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  • Kritik: Gianni Amelios Festival-Sieger "So haben wir gelacht"

    Für Süditaliener war der Norden in den fünfziger und sechziger Jahren so etwas wie das gelobte Land. Selbst ein Hilfsarbeiter konnte in den Industriezentren das nötige Geld für seine Familie verdienen.

    Im Januar 1958 kommt der Sizilianer Giovanni (Enrico Lo Verso) nach Turin, um seinen jüngeren Bruder Pietro (Francesco Giuffrida) zu unterstützen. Pietro soll Lehrer werden. Doch statt regelmäßig zur Schule zu gehen, drückt er sich lieber in der Stadt herum.

    Giovanni vermag nicht zu erkennen, daß die Dinge aus dem Ruder laufen. Unverdrossen trägt er dem Bruder die Schulbücher hinterher, die dieser oft vergißt. Er nimmt auch die niedrigste Arbeit an, um Pietro zu unterstützen. Giovanni hofft auf bessere Zeiten, und er liebt seinen Bruder geradezu abgöttisch. Es ist eine blinde Liebe, eine Liebe, die die Realität nicht sehen will.

    Der italienische Film "So haben wir gelacht", ab dem 22. Juli in den deutschen Kinos zu sehen, erzählt diese Geschichte in sechs Episoden von jeweils wenigen Tagen, verteilt über sechs Jahre. Es sind glänzend inszenierte Schlüsselszenen zu sehen, aber die Auslassungen sind genauso wichtig. Langsam setzt sich der Film im Kopf des Zuschauers zusammen. Turin ist ein abweisender Ort in kalten, dunklen Farben. An prunkvollen Fassaden gehen die sizilianischen Zuwanderer vorbei in ihre schäbigen Quartiere. Nur im sommerlichen Schlußkapitel, als Giovanni mit seiner Familie aufs Land gezogen ist, wird der Film lichter.

    Regisseur Gianni Amelio gehört zu den großen Autoren des europäischen Kinos. Drei Mal gewann er den Felix für den besten europäischen Film. Seine beiden letzten Filme "Die gestohlenen Kinder" und "Lamerica", in denen Enrico Lo Verso ebenfalls die Hauptrolle spielt, sind großartige Tragikomödien, gleichermaßen bewegend wie erheiternd, auf jeden Fall sehr unterhaltsam. "So haben wir gelacht" - im Titel schwingt bittere Ironie - ist dagegen ein todtrauriger Film, der sich dem Unterhaltungsbedürfnis des Kinopublikums mit geradezu atemberaubender Konsequenz verweigert.

    Amelio verlangt vom Zuschauer eine große Bereitwilligkeit, Giovannis aussichtslose Hoffnung wie auch Pietros Einsamkeit zu ertragen. Eine Bereitwilligkeit, die Publikum und Presse bei den Filmfestspielen von Venedig im letzten Jahr vermissen ließen. Aus den ersten Kritiken sprachen Enttäuschung und Unverständnis. Die Jury indessen vergab dem Film den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des Festivals. Damit hat sie den Rang dieses wunderbaren, aber nicht leicht zu konsumierenden Melodrams gewürdigt.

    Claus Wecker, AP

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