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  • Kritik: Geschichte hautnah

    In diesem Herbst scheint es fast, als hätte das Kino den Nationalsozialismus als Thema neu entdeckt. Neu ist, dass jetzt auch Schicksale jenseits des klassischen Opferdramas im Kino zu sehen sind. «Der Untergang» wagte es spektakulär, Adolf Hitler und Gefolge bis zum Selbstmord zu begleiten.

    Und nun kommt «Die Zwillinge» ins Kino - ein intelligenter und zutiefst bewegender niederländischer Film über Schuld und Unschuld, Leid und Vergebung weit entfernt vom Führerbunker. Geschichte hautnah.

    Die wunderbaren Schauspielerinnen Nadja Uhl und Thekla Reuten sind die Schwestern, von denen eine beim faschistischen «Tätervolk» groß wird, die andere bei Verwandten in den Niederlanden. Schon der Roman der Niederländerin Tessa de Loo war 1997 in ihrer Heimat, wo heute noch die Deutschen von manchen böse als «Moffen» beschimpft werden, ein Tabubruch: Denn de Loo verurteilt zwar den Faschismus klar und deutlich, spürt aber auch feinsinnig und raffiniert den Zwischentönen zwischen Schicksal, Zufall und Entscheidung nach.

    Der Regisseur Ben Sombogaart bewahrt in seinem «Liebesfilm über Zwillinge in einer schwierigen Zeit» die Perspektive des Buches und verzichtet auf jede Rechthaberei. Für Nadja Uhl, die Darstellerin der naiven Anna, ist die für den Auslands-Oscar 2004 nominierte niederländische Produktion schlicht «ein Geschenk an die Deutschen».

    Anna und Lotte sind zweieiige Zwillinge. Sechs Jahre alt sind die Unzertrennlichen, als sie durch den Tod ihrer Eltern getrennt werden. Während die robustere Anna auf dem Bauernhof ihres brutalen Onkels im katholischen Rheinland Schwerstarbeit leisten muss und für schwachsinnig erklärt wird, damit sie nicht zu Schule geht, hat die kränkliche Lotte mehr Glück. Sie wächst bei einer bürgerlichen Familie in den Niederlanden auf und genießt alle Vorteile einer kultivierten Erziehung. Doch beide Pflegefamilien unterbinden jeden Kontakt zwischen den Schwestern.

    Der Nationalsozialismus in Deutschland gibt Anna (Nadja Uhl) Hoffnung auf ein besseres Leben. Sie findet eine Anstellung als Hausmädchen, arbeitet später für eine Gräfin und Offiziersgattin, mit der sie auf ein Landgut im Osten zieht. Lotte (Thekla Reuten) entdeckt, dass ihre Pflegeeltern ihre Briefe an Anna niemals abgeschickt haben, findet deren Adresse heraus und besucht sie. Das ersehnte Treffen endet furchtbar. Lotte zeigt Anna ein Foto ihres Verlobten. Annas naiver Kommentar: «Der sieht nett aus. Ich dachte im ersten Moment, er sei Jude.» Später kommt der jüdische Verlobte im KZ ums Leben. Und Annas Ehemann, ein freundlicher SS-Soldat, stirbt in den letzten Tagen des Krieges. Lotte kann Anna ihre unkritische Haltung nicht verzeihen.

    Erst 50 Jahre später treffen sich die Schwestern wieder. In einem letzten Versuch ringt Anna verzweifelt um die Liebe und das Verständnis von der unversöhnlich stolzen Lotte. Ben Sombogaart erzählt die Biografien der Schwestern in langen Rückblenden und streng subjektiv aus der Sicht von Lotte oder Anna. Es gibt keine großen Fackelaufmärsche und keine drastischen Bilder von Schlachten und Vernichtung. Aber die enge Verbindung dieser beiden sehr unterschiedlichen Leben eröffnet eine weite Perspektive auf die menschlichen Folgen einer politischen Katastrophe.

    dpa

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