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  • Kritik: Geistreich bis zum letzten Atemzug

    Globalisierung brillant übersetzt

    Eine Clique Intellektueller, die seinerzeit mitten im Leben stand und über Sex und den Zustand der Welt philosophierte. Genussmenschen, verstrickt in Amouren und gestörte Beziehungen. Am Krankenbett von R�my (R�my Girard) sehen sie sich wieder.

    Es sind gealterte Hedonisten, die - existenzialistisch, marxistisch, maoistisch und schließlich feministisch - keinen "Ismus" ausgelassen haben. Auch nicht den Antiamerikanismus, den der Geschichtsprofessor R�my in seinen Untergangs-Thesen damals auf den Punkt brachte. Nach dem Schock vom 11. September ist das Imperium erschüttert und zum ersten Mal in seiner Geschichte bedroht von "der Invasion der Barbaren". So erklärt es ein junger Fernsehkommentator, der die Philosophie seiner alten Uni-Professoren weiterdenkt.

    Arcands wiederum großartige Fortschreibung seines Gesellschaftsporträts markiert eine Zeitenwende. R�my, dem auch die tödliche Krankheit nichts von seiner Streitlust genommen hat, sieht sich im Zeitalter der Barbarei gestrandet. Seinem Sohn S�bastian (Stephane Rousseau) wirft er vor, kein einziges Buch gelesen zu haben. Sebastian, ein erfolgreicher Verfechter des materiellen Pragmatismus, verfügt dafür jedoch als Börsenmakler über die Mittel, seinem Vater das Sterben zu erleichtern.

    Im katastrophal überbelegten und schlecht versorgten Krankenhaus lässt er für R�my eine Oase einrichten. Gegen die Schmerzen organisiert er Heroin. Den Kontakt zum Dealer stellt Nathalie her, sie ist die Tochter von R�mys früherer Geliebten Diane. Marie-Jos�e Croze - als traurige Tochter einer vom Sex mit Machos beflügelten Mutter - ist eine wunderschöne Drogenfee. In einer Rauch-Zeremonie macht sie R�my mit dem Stoff vertraut, der ihn so high macht, dass er die oberflächlichen Ärzte auf Visite verhöhnen kann.

    Die Geschichte eines bevorstehenden Todes ist so humorvoll und voller Esprit wie Arcands Figuren. Sarkastisch und dennoch bewegend fügt sie sich in die veränderten Weltläufe ein. Die selbstironische Bilanz einer von den Entwicklungen überholten Intellektuellengeneration und ihrer Schmerzen steckt voller Bonmots, die Figuren wie Remy und seine Freunde wie auf Knopfdruck produzieren - lustvoll, manchmal auch lüstern, geistreich bis zum Ende.

    "Das sind Leute, die dazu neigen, gegen den Tod anzukämpfen und ihr Leben bis zum letzten Moment auskosten wollen", erklärt der Filmemacher. Wie der todkranke R�my, der bis zum Schluss auf dem Sprung in immer neue Affären ist und dem die Freundinnen in einer letzten Schmeichelei attestieren, immer ein Lüstling gewesen zu sein.

    R�my, ein Mann des Wortes, wird eine Bibliothek hinterlassen. Für die inzwischen auf Methadon umgestiegene Lektorin Nathalie wird das Haus mit den Büchern zur neuen Zuflucht. Ein anachronistischer Ort in Arcands Weltgeschichte, die in ihrer Komplexität nicht mehr als 99 Minuten beansprucht. Nie ist der profane Begriff der Globalisierung brillanter übersetzt worden.

    Ricarda Schrader, dpa

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