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  • Kritik: Gefühlvolles Autorenkino über die Dramatik der Liebe

    Ein Essen als �interessant� zu bezeichnen, wird in der Regel als Beleidigung aufgefasst. Bei Filmen dagegen ist das Prädikat �interessant� von ungleich höherem Wert. Interessant sind zum Beispiel Filme, die etwas Neues versuchen, ein gewagtes Experiment eingehen, dabei den Zuschauer gegebenenfalls befremden, aber nicht gegen sich aufbringen.

    So ein Film ist die neue Arbeit der Berliner Regisseurin Valeska Grisebach. �Sehnsucht� ist ein Liebesfilm, jedoch nicht in der konventionellen Spielfilmform. Das Drama pendelt zwischen Fiktion und Dokumentation, Spiel und Wahrheit und weiß dabei, den Zuschauer mit einfachen Dialogen und eindringlichen Bildern zu fesseln.

    Alles beginnt mit einem Selbstmordversuch: Ein Mann fährt mit seinem Auto gegen einen Baum, kann aber gerade noch von Markus (Andreas Müller) gerettet werden. Der Unfall geht dem Retter - Schlosser und freiwilliger Feuerwehrmann - nicht mehr aus dem Kopf: War es sein Recht, in die Entscheidung des anderen einzugreifen und dessen Sehnsucht nach einem selbst gewählten Tod unerfüllt zu lassen? Markus ist ein stiller, in sich gekehrter Mensch. Seit der Schulzeit gehört er zu Ella (Ilka Welz), die beiden führen eine liebevolle Ehe.

    Irgendwie wirkt es trist, langsam, eintönig, dieses Leben der beiden in dem 200-Seelen-Dorf in Brandenburg. Es geschieht nicht viel. Und was passiert, bleibt privat und unausgesprochen, der Zuschauer erhält nur einen oberflächlichen Einblick, muss selbst versuchen, in die Herzen der Charaktere hineinzublicken. Bei einem Ausflug mit Feuerwehr-Kollegen beginnt Markus eine Affäre mit Kellnerin Rose (Anett Dornbusch), die sich zu einem ähnlich innigen Verhältnis entwickelt wie Markus' Ehe.

    Entgegen erwartbarer Selbstvorwürfe, Streits oder Verzweiflungen, die sich angesichts von Markus Gefühls- und Liebesleben vor dem Zuschauer auftun könnten, plätschern Affäre und Ehe weiter vor sich hin. Umso mehr wird man aus dem Stuhl gerissen, als es plötzlich zu einer Wende kommt, die in ihrer überraschenden Radikalität an die Arbeiten von Michael Haneke (�Cach�) erinnert. Wie Haneke, liefert auch Grisebach (�Mein Stern�) keine Erklärungen und Auswirkungen des Geschehens.

    Die Kunst des Films, die zurückhaltende Darstellung der Tristesse, die Ästhetik und der diskrete Blick hinter das Sichtbare, gehören zur Handschrift der so genannten �Berliner Schule�, zu der neben Grisebach unter anderem Christoph Hochhäusler (�Falscher Bekenner�) und Christian Petzold (�Gespenster�) zählen: nüchterner, aber aufmerksamer Realismus. Dieser wird in Grisebachs Films vor allem über die Figuren - hervorragend mit Laiendarstellern besetzt - und die Bilder von Kameramann Bernhard Keller vermittelt. Eine der eindringlichsten Szenen ist Markus' Tanz während des Ausflugs. Der ernste Mann bewegt sich völlig selbstvergessen zur Melodie von Robbie Williams �Feel�. Das Bild wird lange ausgehalten, so dass der Zuschauer tief in die Emotionen eintauchen kann.

    Dieses Mitempfinden, ohne es konkret mit Inhalt füllen zu können, durchzieht den gesamten Film. Es wird eine Sehnsucht geweckt, die kein bestimmtes Ziel artikuliert, sondern einfach nur da ist: bewegend und ungemein interessant.

    Susanne Schmetkamp, dpa

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