40.000
  • Startseite
  • » Kritik: "Gefühl und Verführung"
  • Kritik: "Gefühl und Verführung"

    Frankfurt (AP) Von wem wird sich Lucy entjungfern lassen? Von dem verschlossenen Bildhauer Ian, dem Aufreißer Richard, dem Mädchenschwarm Nicolo, dem todkranken Dichter Alex, dem undurchsichtigen Carlo oder gar vom schüchternen Osvaldo? Nach 115 Minuten weiß der Zuschauer, für welchen der Männer Lucy sich entschieden hat.

    "Gefühl und Verführung", der neue Film von Bertoluccis Meisterregisseur Bernardo Bertolucci zeigt im Ablauf einiger Tage, wie aus der süßen 19 Jahre alten Amerikanerin in der Toskana eine Frau wird. Er läuft am 26. September in den deutschen Kinos an.

    Der 1940 in Parma geborene Bertolucci hat dem Kino großartige Filme geschenkt: "Der letzte Tango in Paris", "1900" und den mehrfach mit dem Oskar gekrönten Streifen "Der letzte Kaiser". Wenn von einem Weltstar der Regie wie dem Italiener ein neuer Film auf die Leinwand kommt, sind die Erwartungen besonders hoch. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn diese Erwartungen nicht eingelöst werden. Leider ist das bei "Gefühl und Verwirrung" insgesamt der Fall. Zwar blitzt im langatmigen Verlauf des Films immer wieder das große Können des Virtuosen auf, doch gleitet er erschreckend oft in gar peinlichen Kitsch ab. Hinzu kommt übrigens, daß der Streifen auch noch schlecht synchronisiert ist.

    Bertolucci hatte die besten Absichten: "Meine letzten drei Großproduktionen waren sehr ambitioniert, sowohl was die Bandbreite der Produktion als auch die Inhalte anging. Danach wollte ich etwas Kleineres, Frischeres machen, mit einer Art Tscheovschen Atmosphäre. Aus diesem Grund stellte ich es mir interessant vor, die Geschichte eines zur Frau reifenden Mädchens zu erzählen." Für das Kino ist das sicher ein attraktiver Stoff, doch sollte er auch so erzählt werden, daß der Zuschauer neues Interesse an einer wohlbekannten Geschichte entdeckt.

    Der amerikanischen Drehbuchautorin Susan Minot ist indessen wenig eingefallen, und Bertolucci hat daraus offenbar auch nicht mehr machen können. An den exzellenten Schauspielern, darunter große Namen wie Jeremy Irons, Stefania Sandrelli und Jean Marais, hat es nicht gelegen. Aber was nutzen Stars, wenn sie keine Rollen erhalten, in denen sie ihre Magie entfalten können?

    Oscar-Preisträger Irons siecht als blaßgeschminkter Todeskandidat vor sich hin, der verflossener Sinneslust nachtrauert. Die temperamentvolle Sandrelli hat in der Handlung überhaupt keine erkennbare Funktion, der wunderbare Greis Marais grummelt angelesene Weisheiten der Drehbuchautorin so abwesend vor sich hin, als könne er seiner nächtlichen Schlafwandelei nie entkommen.

    So nutzt es auch nur wenig, daß die Hauptdarstellerin Liv Tyler, wunderschöne Tochter eines Ex-Models und eines Rockstars, mit all der Anmut, Frische und Naivität ihrer Jugend eine Augenweide ist. Bertolucci ist voll des Lobes über die junge Amerikanerin, die in ihrem vierten Film einen großen Schritt zum Starruhm gemacht hat: "Bei ihr ist die Kamera so etwas wie ein unsichtbarer Partner. Außerdem hat Liv etwas von einem Schwamm; sie will alles in sich aufsaugen. Sie ist voll von Ideen. Man kann sie über ihr Gesicht ziehen sehen wie Wolken vor dem Mond."

    Wenn neben Liv Tyler noch etwas den Besuch von "Gefühl und Verführung" lohnt, dann die bezaubernde Kulturlandschaft der Toskana. Für Bertolucci war es eine Rückkehr in heimische Gefilde nach weiten filmischen Expeditionen nach China ("Der letzte Kaiser"), in die Sahara ("Himmel über der Wüste") und den Fernen Osten ("Little Buddha"). Der Regisseur sprich selbst von einer "vorsichtigen Heimkehr". Freuen wir uns auf die wirkliche Heimkehr - und einen besseren Film von dem noch immer größten Erotiker der Leinwand.

    Von AP-Korrespondent Wolfgang Hübner

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Jochen Magnus

    Mail | 0261/892-330

    Abo: 0261/9836 2000

    Anzeigen: 0261/9836 2003

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Dienstag

    -3°C - 1°C
    Mittwoch

    1°C - 4°C
    Donnerstag

    4°C - 7°C
    Freitag

    4°C - 8°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!