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  • Kritik: Gefangene auf beiden Seiten

    Bei der ersten Wiederbegegnung sprechen sie durch Gitterstäbe miteinander. Das Gefängnis haben sie sich selbst gebaut und die Gitter befinden sich in einer Haustür. Draußen steht der Mann, im Haus die Frau, die vor seiner Gewalt zur Schwester geflohen ist. Aber auch er will fliehen - vor sich und zu ihr.

    «Öffne meine Augen» von der spanischen Regisseurin Iciar Bollain beginnt dort, wo andere Filme zum Thema Gewalt in der Ehe oft enden: Mit der Flucht. Mitten in der Nacht packt Pilar (Laia Marull) hektisch ihre Sachen und flieht zusammen mit ihrem Sohn Juan (Nicolás Fernández Luna). Sie findet Zuflucht bei ihrer Schwester Ana (Rosa Maria Sadár), die ihr einen Job in der Kathedrale, in der sie als Restauratorin arbeitet, besorgt. Aber Ana kann Pilar nur helfen, sich äußerlich von Antonio (Luis Toscar) zu lösen. Ihre innere Bindung an den schlagenden Ehemann - eine Beziehung aus Abhängigkeit und Gewalt - kann und will sie nicht verstehen.

    In der Welt um sie herum scheint es für Pilar niemanden zu geben, der sie versteht. Da versucht Antonio einen Neuanfang: Er schickt ihr Blumen und beginnt eine Therapie. Heimlich fangen sie an, sich zu treffen. Zum Entsetzen Anas ziehen die beiden schließlich wieder zusammen. Antonio versucht zu lernen, seine Wut in den Griff zu bekommen. Während Pilar sich mit wachsender Begeisterung in die Arbeit stürzt, fühlt sich Antonio aber zunehmend schwach, klein und ausgeliefert. Pilars neue Selbstständigkeit verstärkt zudem sein Gefühl der Unzulänglichkeit. Als sie die Chance bekommt, sich mit zwei Kolleginnen als Museums- und Fremdenführerin selbstständig zu machen, spitzt sich die Situation endgültig zu.

    Iciar Bollains Film geht unter die Haut. Die allgegenwärtige Bedrohung in der abgeschlossenen Welt dieser Beziehung bleibt den ganzen Film über spürbar. Dabei versetzt die spanische Regisseurin den Zuschauer in die Position des kleinen Juan, der alles sieht, schweigt und am liebsten unsichtbar wäre. Jedes Mal, wenn Antonio sich der Wohnungstür nähert oder beim Abendbrot mühsam seine brodelnde Aggressivität zu bändigen sucht, macht sich ein Gefühl der Verlorenheit und des kindlichen Ausgeliefertseins breit - so authentisch gelingt den Schauspielern die Darstellung dieses Familien-Gefängnisses.

    Dabei vermeidet «Öffne meine Augen» durch Perspektivwechsel die Gefahr der Schwarzweißmalerei. So sehen wir Antonio in einer Gruppentherapie, die seine Gewalt nicht mehr als Ausnahmephänomen erscheinen lässt, sondern auch als ein gesellschaftliches Problem. Wir sehen seinen Kampf gegen seine wütende Verlustangst, wenn er doch immer wieder Pilars Nummer wählt, um sie zu kontrollieren oder sie heimlich bei ihrer Arbeit beobachtet. Sowohl Pilar als auch Antonio sehnen sich nach einer Alternative und machen sie unmöglich, indem sie in gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen verharren. Am Grad dieser Abhängigkeit wird Liebe gemessen - die Worte «brauchen» und «missbrauchen» kommen sich dabei gefährlich nahe.

    Bollains Film stellt elementare Fragen zur zwischenmenschlichen Gewalt, die lange vor dem ersten Faustschlag beginnt. Sie kann im privaten Raum ungestört walten, solange die «anderen» davon lieber nichts wissen und nichts verstehen wollen. Trotz seiner schweren Thematik ist «Öffne meine Augen» an vielen Stellen aber auch erstaunlich leicht und bleibt nicht bei einer fatalen Alternativlosigkeit stehen. In humor - und lichtvollen Szenen öffnet sich immer wieder der Blick auf ein mögliches anderes Leben.

    Mit ihrem dritten Spielfilm war Iciar Bollain die große Gewinnerin bei der Verleihung des spanischen Filmpreises von neun Nominierungen erhielt ihr mutiges Beziehungsdrama sieben Goyas - zu Recht.

    dpa

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