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  • Kritik: Frauen sind bessere Männer

    Hera Lind ist ein weiblicher Midas, also eine Königin Midas: Alles, was die klassische Sängerin a. D., Bestsellerautorin, Lebensgefährtin eines Arztes und dreifache Mutter anfaßt, verwandelt sich zu Gold, zumindest zu Cash.

    Zur selben Zeit (das war 1988) brachte sie ihr erstes Buch und ihr erstes Baby zur Welt: Den Bestseller "Ein Mann für jede Tonart", der 1993 auch einer der ersten Erfolge in der neuen deutschen Komödienwelle wurde. Katja Riemann und Uwe Ochsenknecht spielten die Hauptrollen in einem Film, in dem sich nicht ein Mann eine Frau suchte, sondern eine Frau zwei Männer - je nach Gemütslage. Es war Trotzköpfchens Emanzipation, ein voller Erfolg.

    Mit dem zweiten Kind folgte der zweite Bestseller, "Frau zu sein bedarf es wenig", der nun ebenfalls verfilmt wird, und 1994 kam Hera Lind wieder nieder. Diesmal mit dem "Superweib", von dem inzwischen sage und schreibe 1,5 Millionen Exemplare an den Mann, vor allem aber an die Frau gebracht worden sind.

    In dieser Woche kommt das "Superweib" in die Kinos, verfilmt von Sönke Wortmann, der sich auskennt, wie man Kino-Erfolge macht - sein "Bewegter Mann" war auf der Leinwand das, was Hera Linds "Superweib" auf den Bestsellerlisten war (und ist).

    Der Produzent Bernd Eichinger ist von der Prämisse ausgegangen, daß Erfolg mal Erfolg den Supererfolg ergibt. Man braucht kein Prophet zu sein, wenn man voraussagt, daß das "Superweib" auch in den Kinos brummen wird.

    Das hängt mit einem weiteren Glücksfall (oder Erfolgsmultiplikator) zusammen. Das deutsche Publikum will im Kino wieder Stars, Sönke Wortmann bietet ihm Stars. Die deutsche Zuschauerin will wieder Identifikationsthemen, zu denen sie ihren Kerl (Partner, Gefährten, Mann, Freund) notfalls mit ins Kino schleppt, Hera Lind bietet ihr Identifikationsthemen.

    Der Star, den das "Superweib" zu seinem eigenen Nutzen und Erfolg produzieren wird, heißt - und auch das ist leicht vorauszusagen - Veronica Ferres. Die blonde, unbekümmerte, energiegeladene Schauspielerin, die drall wirkt, obwohl sie schlank ist, die groß wirkt, aber durch Selbstironie und Humor den Männern dennoch ihre Angst vor überlegenen Frauen mildert, Veronica Ferres also "sitzt" auf der Rolle der Franziska Herr-Gross (des Superweibs) wie der Schlips am Kragen oder die Jeans am Hintern. "Paßt scho", pflegen die Österreicher dazu zu sagen.

    Denn was ist das Erfolgsgeheimnis des Hera-Lind-Geschöpfs und Hera-Lind-Doubles Franziska? Es ist die Geschichte einer Frau, der ihr Mann, ein Erfolgsregisseur von Trivial-Serien (im Film Thomas Heinze), zwei Kinder angehängt hat, während er sich in der Welt herum- und es mit seinen Hauptdarstellerinnen treibt.

    Sie muß die Gören großziehen, er hat die Karriere und das Vergnügen, während ihr Geist (auch sie war Schauspielerin) und ihr Körper von der Schwangerschaft schlaff werden. Soweit können sich Mittelstandsfrauen sicher mit Franziska und Hera Lind identifizieren. Und ihre Männer müssen dabei noch gute Miene machen, wenn ihnen ihr böses Spiel vorgeführt wird.

    Soweit wäre diese Franziska nur ein Solidaritätsfetisch bitter beistimmender Sexualgenossinnen: "So sind sie, die Männer! Und so sind wir dran, wir Frauen!" Doch in einer ebenso trivialen wie genialen Volte macht die Lind aus dem armen Weibchen ein Superweib.

    Die geplagte Kindsmutter und betrogene Ehefrau trifft eine mütterliche Dame (Liselotte Pulver), die ein altgewordenes Muttersöhnchen hat - einen erfolgreichen Scheidungsanwalt und Grundstücksmakler. Dieser verspielte späte Junge (niemand könnte ihn in Deutschland besser, wirksamer, gefühlvoller und komischer stammeln als Joachim Krol) rät Franziska, in die er sich prompt auch noch verliebt, ihre Lebensgeschichte und Ehemisere zwecks Scheidung zu Papier zu bringen. Und ratzfatz wird nach dem Hera-Lind-Prinzip ein Bestseller draus.

    Franziska hat Erfolg wie sonst nur ein Kerl. Auch sonst verschafft sie sich die Freuden, die sonst nur der behaarten, zur Rasur genötigten und zur Kahlköpfigkeit und Schmerbauchigkeit neigenden Spezies Mann vorbehalten sind:

    Sie vernascht ihren Lektor (Heiner Lauterbach), weil er einst ihr geliebter angehimmelter Deutschlehrer war. Sie schläft mit einem zarten Liedermacher und Kinderbuchautor, weil auch der auf Lesereise und einsam ist.

    Sie erlaubt sich aber auch einen Schwips, um nicht mit ihrem Anwalt schlafen zu müssen und statt dessen in Männermanier kräftig kotzen zu dürfen. Kurz, sie ist wie ein Kerl, ein Stehaufmädchen, eine Frau, die ihren Mann steht, ohne aufzuhören, weibliches Weibchen zu sein. Das ist eine Quadratur des Kreises, eine Alice Schwarzer, die als Marilyn Monroe daherkommt und dennoch mit jeder Geste behauptet: Frauen sind die besseren Männer!

    Dies war, so erzählt Veronica Ferres, der Grund, daß sie überglücklich war, die Rolle unter unzähligen Bewerberinnen nach Probeaufnahmen zu bekommen. Sie mag die (gewiß märchenhaft verzuckerte) Freiheit, in der Franziska aus allen Bürden, männlichen Egoismen und Schwierigkeiten entschlüpft. Daß Hera Lind ihr spontan gesagt hat, sie sei ihre Traum- und Idealbesetzung, hat natürlich die Identifikation mit der Rolle verstärkt.

    Deren Schlüsselwort heißt Erfolg. Und insofern ist das "Superweib" ein Schneeballsystem, eine Erfolgslawine, in der Ferres kräftig und selbstbewußt mitwirbelt. Allerdings wirkt Hera Lind in natura wie eine resolute Hausfrau mit gestählter Frisur, während Ferres eine Frau ist, für deren Beschreibung Männer ihre Hände mit kurvigen Bewegungen zu Hilfe nehmen müssen. Das Buch handelt von Erfolg und wurde damit ein Erfolg, der Film setzt, mit Kalkül und Schwung, auf diesen Erfolg, weil sein Regisseur weiß, was Erfolg ist. Und Veronica Ferres ist, mit strahlend blauen Augen und einem ungestüm unschuldigen Selbstbewußtsein, die Erfolgsbesetzung, die der Film schwungvoll auf ihren Höhenflug befördert. Trendy nennt man so was mit zeitgenössischem Vokabular.

    "Das Superweib" ist ein Roman und ein Film, in dem ein Schauspieler Hajo Heiermann, eine Schauspielerin Sonja Sonne und ein Advokat Enno Winkel heißen - von wegen Winkeladvokat. Es ist ein Film und ein Roman, in dem eine Frau, wenn's brenzlig und schwierig wird, "uff" stöhnt und dazu komisch mit den Augen rollt. Man nennt so etwas trivial und tut recht daran.

    Es sind Menschen auf der Oberfläche ihrer Haut, die reden, was sie tun, und die von Werbung nur unterscheidet, daß sie nicht für ein Waschpulver, sondern für ihre Gefühle Reklame machen.

    Veronica Ferres kann so etwas heiter und umwerfend unschuldig. Dabei ist sie für den Film erst von Helmut Dietl richtig entdeckt worden (ihrem Lebensgefährten), der in "Schtonk" (der Satire über die Hitler-Tagebücher) die Kartoffelhändlerstochter mit prallem Hintern in einen Kartoffelacker stellte und sie als nackte und falsche Eva Braun posieren ließ.

    Da Ferres einsah, daß die Nacktheit künstlerisch nötig war, hat sie ihre Schüchternheit, die noch heute einen Reiz ihrer Ausstrahlung ausmacht, überwunden. Daß sie prüde ist, ohne bigott zu sein, erklärt sich aus ihrem frommen Elternhaus, ihrer Herkunft, wo die Schauspielerei eine Möglichkeit war, sich selbst zu entdecken und zu meistern, als Rolle zu meistern, das heißt, seiner Depression Herr (oder besser: Frau) zu werden.

    Veronica Ferres ist eine Perfektionistin. Es ist ihr wichtiger, die Markierung für die Kamera schlafwandlerisch sicher zu treffen, als dem Regisseur die Geheimnisse ihrer Rolle (die vielleicht keine hat) abzufordern. Sie kennt ihre Wirkung, kennt sie mit der nötigen Naivität und hat keine Angst, über sich selbst zu lachen. Weil sie sich ihrer selbst sicher ist? Technisch sicher?

    Als "Superweib" ist sie mitreißend oberflächlich, ohne flach zu sein. Das ideale Identifikationsangebot, wie es Hera Lind geschrieben hat: in aller Unschuld knallhart und in allen Lebenslagen immer noch sehr komisch. So wie Veronica Ferres, heiter, gefühlvoll, nicht unterzukriegen, wünschen sich viele Frauen die Frauen. Emanzipationsharmonie. So wünschen wir Männer uns die Frauen ebenfalls. Daß sie sich durch "uns" nicht unterkriegen lassen. Daß sie die Schwierigkeiten, in die wir sie bringen, selbst bereinigen. Und dabei nett bleiben.

    Und Sönke Wortmann? Und das "Superweib"? Ohne Zweifel hat dieser Regisseur mit wenig Skrupeln, viel Schwung, einer deftigen Vergröberungskomik und einem Gespür für eine zügige, simpel gestrickte Handlung den deutschen Film wie kein zweiter in den Publikumserfolg gestoßen. Das braucht das Kino hierzulande dringend. Wortmann, ein Vorreiter des Erfolgs, knüpft an Opas Kino an, ohne deshalb gestrig oder gar vorgestrig zu sein.

    Erfolg hat manchmal, wie das "Superweib" wieder zeigt, etwas Ruppiges, Flachsinniges. Schauspielerei erfolgt dabei im Grobraster. Aber seien wir keine Spielverderber.

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    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

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