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  • Kritik: Frau mit Doppelleben

    Pedro Almodóvar über Einsamkeit, Familie und sein "Blühendes Geheimnis"

    SPIEGEL: Herr Almodóvar, im Mittelpunkt Ihres neuen Films steht wieder einmal eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs.

    Almodóvar: Sie bricht wirklich zusammen. Als Künstlerin ist sie in eine Krise geraten, ihr Ehemann macht abrupt Schluß mit ihr, und als sie Selbstmord zu begehen versucht, wird sie nur durch einen glücklichen Zufall gerettet.

    SPIEGEL: All das erzählen Sie auf eine so sensible und bewegende Weise, wie man vergleichbare Katastrophen in Ihren früheren Filmen nie empfunden hat. Das Element des Spöttischen, Farcenhaften wird sehr an den Rand gedrängt. Ist Ihnen dieser Wechsel der Stimmung oder der Tonart bewußt?

    Almodóvar: Aber sehr, besonders im Vergleich mit meinem vorigen Film "Kika", der bis in die Farbskala hinein viel kälter, überdrehter, aggressiver war. Damals fühlte ich mich so. Meine Filme sind - nicht in der Handlung, aber in den Erfahrungen - viel autobiographischer, als man gemeinhin denkt. "Mein blühendes Geheimnis" handelt vom Ende einer langen Liebe, von der Begegnung mit der Einsamkeit, vom Annehmen der Einsamkeit. All das tut weh, und merkwürdigerweise denke ich dennoch, daß es mein optimistischster Film seit langem ist.

    SPIEGEL: Ihre Heldin Leocadia, genannt Leo, führt eine Art Doppelleben: Sie ist in der Madrider Gesellschaft die erfolgreiche und wohlhabende Ehefrau eines hohen Offiziers, insgeheim aber schreibt sie unter dem Pseudonym Amanda Gris sentimentale Kitschromane, die Bestseller sind, und sie legt höchsten Wert darauf, daß dieses ihr "Geheimnis" nur ein halbes Dutzend Mitwisser teilen. Warum ist sie so verschwörerisch in dieser Sache?

    Almodóvar: Vielleicht will sie sich, da ihre Lieblingsautorinnen Djuna Barnes, Jane Bowles oder Virginia Woolf sind, nicht eingestehen, daß auch das Schreiben von Amanda-Gris-Schnulzen ihr ein Bedürfnis ist. Aber eine einfachere Antwort wäre: Ich habe bei der Erfindung dieser Figur an eine Schriftstellerin gedacht, die sich sogar unter verschiedenen Pseudonymen versteckt, Corín Tellado. Sie hat hat bis zu fünf Romane in einem Monat produziert, und die Gesamtauflage ihrer Werke ist angeblich höher als die irgendeines anderen Autors der ganzen spanischen Literatur.

    Almodóvar: Nein, sie ist anders. Barbara Cartland repräsentiert ja mit allem Pomp die mondäne Welt ihrer Bücher. Corín Tellado hingegen hat nichts damit zu tun; sie ist eine sehr kluge, kritische Person, die zurückgezogen in einer Provinzstadt im Norden lebt, und unter ihren Verehrern sind bedeutende Schriftsteller wie Vargas Llosa und Cabrera Infante. Deshalb erlaubte ich mir, auch Amanda Gris ihren größten Verehrer in einem Intellektuellen finden zu lassen, in einem Literaturredakteur der Zeitung El País.

    SPIEGEL: Wenn man sie aber sieht, wie sie mit Mantel, dunkler Brille und kleinem Hütchen getarnt die Straße entlanggeht, denkt man an die Garbo.

    Almodóvar: Natürlich! Ein paar berühmte Garbo-Fotos und Fotos der späten Jackie Kennedy haben ihre Erscheinung inspiriert: Es ist das Bild einer Frau, die sich in ihre Anonymität einhüllt, die sich geradezu unsichtbar machen will, und zugleich ist es das Bild einer Frau, die ein Geheimnis hat.

    SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal einen Mann auf diese Weise ins Zentrum eines Ihrer Filme zu stellen?

    Almodóvar: Ich weiß nicht. Das ist ja keine bewußte Wahl, aber meine ganzen Phantasien als Autor kreisen um Frauen. Ich bilde mir bestimmt nicht ein, mehr als sonst ein Mann von Frauen zu verstehen, und ich möchte auch niemals eine Frau sein - aber Männer als Filmfiguren inspirieren mich offenbar wenig. Sie sind mir zu einfach. Und das ist doch gut so, denn manchmal frage ich mich: Wer außer mir schreibt überhaupt noch große, glamouröse Hauptrollen für Frauen, und schon gar für Frauen wie Leo, die nach 20 Jahren Ehe vor dem Nichts zu stehen glaubt?

    SPIEGEL: In der spanisch-bürgerlich-großstädtischen Welt, in der fast alle Ihre Filme spielen, sind Familienbindungen von zentraler Bedeutung. Fast all diese Filme sind Familiendramen. Es gibt darin aber kaum kleine Kinder. Ihre melodramatischen Heldinnen, auch Leo, sind - als wäre dies der Preis für Selbständigkeit und Erfolg - kinderlos.

    Almodóvar: Wenn es anders wäre, wäre "Mein blühendes Geheimnis" von Anfang bis Ende ein anderer Film, oder nein, es gäbe diesen Film gar nicht. Vielleicht schreibt Amanda Gris Romane, weil sie keine Kinder hat. Mir ist bewußt: In jenem eher unbewußten Bereich zwischen Träumerei und Erfahrung, aus dem meine Geschichten auftauchen, kommen kaum Kinder vor. Und Sie könnten hinzufügen: Es kommen auch keine Väter vor. Es ist so, und ich kann es nicht ändern. Ich bin kein Vater, ich habe keine Kinder. Vielleicht sind meine Filme meine Kinder.

    Almodóvar: Er konnte sich absolut nichts unter dem vorstellen, was ich nach dem Schulabschluß werden wollte. Er war Maultiertreiber und hatte es zum Kassierer an einer Dorf-Tankstelle gebracht; seine höchste Hoffnung war, ich würde zum Bankangestellten aufsteigen. Aber als er begriff, daß mich nichts von dem abbringen konnte, was ich als meine unerschütterliche Berufung empfand, wünschte er mir Glück und ließ mich mit 16 Jahren nach Madrid ziehen. Er starb ein paar Tage vor dem Start meines ersten Films, sonst würde ich ihm wie meiner Mutter ab und zu einen Kleinauftritt geben.

    SPIEGEL: Leo, Ihre Heldin mit dem gebrochenen Herzen, kehrt zur Genesung mit ihrer Mutter zu Besuch in deren Heimatdorf zurück, wo wie in der guten alten Zeit die Spitzenklöpplerinnen singend in der Sonne sitzen. Ist das ein autobiographischer Augenblick?

    Almodóvar: Sicher. Ich habe leider nicht in dem Dorf drehen können, wo ich geboren wurde, doch ganz in der Nähe.

    SPIEGEL: Früher einmal waren Sie selbst als Rocksänger für die schrillste Musik Spaniens zuständig, jetzt, in Ihrem neuen Film, zeigen Sie statt eines Blicks ins wüste Madrider Nachtleben eine elegante Flamenco-Szene, nur ein wenig verfremdet durch Miles-Davis-Musik.

    Almodóvar: Es stimmt, daß ich zur Madrider Avantgarde Abstand gewonnen habe, da tobt nun eben eine neue Generation. Aber nach wie vor begeistern und inspirieren mich alle möglichen Genres der Trivialkultur, Comics wie Schnulzen, Tangos wie Telenovelas, und ich lasse mir nicht einreden, daß sie minderwertig seien. Sie sind einfach etwas anderes. Auch Müll ist Kultur. Ich glaube wirklich, meine Leo wäre eine viel weniger geheimnisvolle Figur, wenn sie eine seriöse Schriftstellerin wäre. Und was den Flamenco angeht: Da wird nicht irgendein Jazz gespielt, sondern ein Stück aus den "Sketches of Spain". Kein Ausländer ist je so tief in das Geheimnis der Flamenco-Musik eingedrungen wie Miles Davis, das ist ganz unglaublich. Und dieses Stück heißt "Solea", Einsamkeit. Einsamkeit ist das Grundthema des ganzen Films.

    Almodóvar: In dem Alter, wo ich auf das kleinste Angebot nach Hollywood gestürzt wäre, ist keines gekommen, zu meinem Glück. Inzwischen hat jedes der großen Studios mich mit Offerten eingedeckt, aber inzwischen weiß ich auch, daß ich dort nichts zu suchen habe. Ich bin doch kein Profi-Regisseur, der irgendwelche tollen und spektakulären Drehbücher verfilmen will. Ich werde mich immer nur mit meinen eigenen Sachen beschäftigen wollen, auf meine Weise, und ohne daß mir jemand reinreden kann, weil ich sein Geld verschwende. In einem Film stecken doch jedesmal anderthalb oder zwei Jahre meines Lebens!

    SPIEGEL: Umwirbt Sie nicht Ihr Freund Antonio Banderas, den Sie zum Star gemacht haben, daß Sie auch nach Amerika kommen?

    Almodóvar: Zugegeben, gelegentlich lockt mich die Idee, einen Film auf englisch zu drehen, aber ebensooft zweifle ich daran. Denn ich spüre jeden Tag bei der Arbeit mit meinen Schauspielern, wie verliebt ich in die literarische Finesse oder die pure Melodie eines Satzes bin - ich kann nicht anders: Aus all diesen Winzigkeiten in Dialog oder Dekor, die kein anderer machen würde wie ich, besteht mein Werk. Das bin ich.

    SPIEGEL: "Mein blühendes Geheimnis" ist von einer eigenartigen, schönen Heiterkeit erfüllt. Und doch: Ihre Heldin Leo versucht nicht nur Selbstmord zu begehen, sondern sich auch als Schriftstellerin zu vernichten; sie schreibt unter einem anderen Pseudonym einen Totalverriß des Werks von Amanda Gris.

    Almodóvar: Für Leo, das stimmt, ist das eine Befreiung. Doch auf ihrem Weg ist sie einem Mann begegnet, der durch sie entdeckt, daß er sich schon immer wünschte, Amanda Gris zu sein, und es fortan sein wird. Das ist das neue Geheimnis, mit dem der Film endet.

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