40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Französischer Film kennt wenige Tabus
  • Kritik: Französischer Film kennt wenige Tabus

    Nackte Tatsachen allerorten und werbeästhetische Banalisierung lassen es oft vergessen: Sexualität ist auch weiterhin eine beunruhigende Macht. Das bringt der am 15. Juni anlaufende französische Film "Romance" mit Vehemenz ins Bewusstsein zurück.

    Mit Catherine Breillat hat ihn eine Frau geschrieben und inszeniert, die man mit Fug und Recht als Erotomanin bezeichnen darf und die schon im Alter von 17 Jahren einen Roman schrieb, der erst für Leser ab 18 Jahren geeignet ist.

    Die Versuchsanordnung in "Romance" ist von Beginn an eine Provokation: Marie liebt ihren Freund Paul, sie ist scharf auf ihn und zeigt das auch. Er jedoch weigert sich, mit ihr zu schlafen. Und wo sonst unerfüllte weibliche Gier eher eine Lachnummer ist, untersucht Breillat Maries Sehnsucht ernsthaft und von ganz nah. Marie ist abhängig von Pauls Willen und ihm also unterlegen; die junge Lehrerin will sich aber ihr Selbstbewusstsein nicht nehmen lassen und beginnt eine erotische Odyssee mit anderen Männern, die sie an Grenzerfahrungen heranführt.

    Während zurzeit bei bestimmten Filmemachern die Präsentation eines erregten männlichen Geschlechtsteils Mode ist, zeigt Breillat nicht nur Schamhaar und sexuelle Handlungen, sondern geradezu herausfordernd die Vagina in allen Lebenslagen, wozu auch eine Geburt gehört. Skandal machte beim Start des Films in Frankreich der Pornostar Rocco Siffredi in der Rolle des potenten Paolo, Maries erste Affäre. Noch skandalöser aber ist, dass Marie während der Beischlafszene, anstatt zu stöhnen, mit leiernder Stimme Kommentare abgibt und kritisch anmerkt: "Ich bin noch nicht befriedigt."

    Abtörnende Bemerkungen wie diese und viele andere verkehren den erhofften Porno in sein Gegenteil. Worum es Breillat geht, zeigt eine andere Szene, in der Marie vergewaltigt wird. "Ich habe es gewollt, du hast mich nicht gehabt", schreit sie dem Mann zornig hinterher. Sie will kein Opfer sein. Klinisch kühl wie im Labor ist die Inszenierung. Marie selbst, gespielt von der eindrucksvoll agierenden Caroline Ducey, ist blass, schön, klug und knabenhaft. Dauernd analysiert sie ihre Emotionen. Ihr Experimentieren mit Sexpartnern ist oft ermüdend, manchmal auch an der Grenze zur Lächerlichkeit.

    Es ist jedoch durchaus gewollt komisch, wenn Breillat der Männerriege dann noch eine Gruppe von Gynäkologen hinzufügt, die in ärztlicher Entdeckerfreude Marie genauso zwischen die Beine fassen wie zuvor ihr Liebhaber Robert. Ungewollt komisch ist hingegen, wie jener Robert, ihr ältlicher Vorgesetzter, Marie in die Freuden des Sado-Masochismus einweist und ihr dabei betulich Fesseln anlegt. Die Szene, in der Marie geschnürt und geknebelt wird, ist jedoch die einzige, in der authentische Emotionen und Ängste überschwappen. Was daran liegt, dass die Szene zunächst eine Probe war, die dann in den Film übernommen wurde. Eine recht fragwürdige Vorgehensweise von Regisseurin Breillat, die darin die echte Verstörung ihrer Hauptdarstellerin ausbeutet.

    Faszinierend ist aber dennoch, wie Breillat Sex aus weiblicher Sicht aufklärerisch und ohne romantisierende Scheinheiligkeit ins Licht setzt. Hier ist nicht nur eine Erbin des Marquis de Sade am Werk, sondern auch eine Schülerin von Simone de Beauvoir. In "Romance" illustriert sie eine Entwicklung, die nicht wenigen Männern Angst macht: Weibliche Sexualität ist in Zeiten von Empfängnisverhütung und ökonomischer Unabhängigkeit nicht mehr unter Kontrolle. Insofern stellt der Film die richtigen Fragen; die Antworten sind möglicherweise falsch oder knapp daneben, gleichwohl spannend.

    Birgit Roschy, AP

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Maximilian Eckhardt

    Mail | 0261/892743

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    -3°C - 4°C
    Sonntag

    -5°C - 2°C
    Montag

    -3°C - 2°C
    Dienstag

    -2°C - 4°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!