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  • Kritik: Film "Total eclipse" zeigt Rimbaud light

    "Und ich sah, was noch kein Mensch gesehen..." - Mit nur 16 Jahren schrieb der französische Dichter Arthur Rimbaud 1871 sein wohl berühmtestes Gedicht "Das trunkene Schiff". Viele Kritiker sehen in Rimbauds unersättlichem Hunger nach immer neuen Erfahrungen, der vollkommen "freien Freiheit", einen Schlüssel zu seiner düsteren, komplexen Symbolik.

    "Total eclipse", die Verfilmung der leidenschaftlichen Beziehung Rimbauds zu seinem Dichterkollegen Verlaine, die an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos startet, macht da keine Ausnahme. Die Polin Agnieszka Holland zeigt junges Ungestüm, Drogenrausch und Sauferei und einen besessenen Literaten auf der Suche nach dem absoluten Ausdruck. Doch dem Rätsel Arthur Rimbaud kommt auch sie kein Stück näher.

    Immer wieder hat der junge Provinzlümmel Rimbaud, glänzend gespielt von Leonardo DiCaprio, eine Vision von flirrendem Wüstensand und gleißender Sonne. Dahin treibt es ihn sein kurzes Leben lang - die Poesie des "schneller, höher, weiter" zieht sich durch Hollands symbolschwangeren Streifen wie ein roter Faden.

    Rimbauds Förderer und Geliebter, Paul Verlaine, zehn Jahre älter und mit seiner schönen und reichen Frau halbwegs etabliert, kann das nicht so recht verstehen. Verlaine erscheint als schwächlich-geiler Don Quijote der Poesie. Rimbauds Provokationen amüsieren ihn, er erhofft sich von dessen jungem Geist und Körper neue Kraft und Inspiration. Klar, daß das nicht gutgehen kann: Die beiden verschwinden aus Paris, hängen in Brüssel und London im Absinthrausch herum wie müde Fliegen an der Decke und beenden ihre schwindelerregende Affäre schließlich mit dem Schuß des eifersüchtigen Verlaine auf Rimbaud.

    Verlaine kommt ins Gefängnis, Rimbaud geht tatsächlich in die afrikanische Wüste und stirbt 37jährig auf dem Rückweg nach Europa an einem nicht rechtzeitig behandelten Tumor im Knie. Hier löst sich in Hollands Film die Vision des Sandes und der Sonne auf: Das Bild gehört zu den letzten, die Rimbaud auf seiner Krankentrage in Afrika sieht - der Tod entpuppt sich als das lang ersehnte Extrem der Extreme, die Suche nach dem letzten Grund hat ein Ende. Ein Kinobild, so schön wie einfach. Spätestens hier drängt sich der Verdacht auf, daß es Holland gar nicht so sehr um Rimbaud oder Verlaine geht, sondern vielmehr um die Darstellung des Klischees vom ewig suchenden Dichter und einer spektakulären Männerbeziehung.

    Arthur Rimbaud gilt nicht nur als einer der bedeutendsten und wortgewaltigsten Lyriker der französischen Literatur, sondern auch als einer der schwierigsten. Seine giftig-schönen Sumpfblüten gleichenden Verse und seine komplexe Persönlichkeit filmisch auf einen Nenner bringen zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen. Doch der Schwere dieser Aufgabe scheint sich die Filmemacherin nicht einmal bewußt. Um ihr eindimensionales Porträt zu zeichnen, unterschlägt sie gewichtige Episoden aus Rimbauds Leben.

    Seine Geschäfte als Waffenhändler in Afrika passen da so wenig ins Bild wie die regelmäßigen Kontakte zu Pariser Dichterzirkeln. Bei ihr bleibt Rimbaud ein Einzelgänger, der auf andere Manuskripte pinkelt. Nur in Verlaine findet er einen Gefährten, mit dem er sich dann wie zahllose andere Liebende in zahllosen anderen Filmen küßt und schlägt. Rimbaud wollte sehen, was noch keiner gesehen - in dem ihm gewidmeten Film sieht man das, was man schon tausendmal sah.

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    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

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