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  • Kritik: Film lehrt die Zuschauer das Fürchten

    Kinobesucher in den USA sollen sich beim Anschauen des Horrorfilms reihenweise übergeben haben, und angeblich glauben Millionen wirklich daran, dass der Film "The Blair Witch Project" ein echtes Video-Dokument dreier verschollener Studenten ist. Wahr oder nicht - Meldungen wie diese halten den Wirbel um das Kinophänomen des Jahres in Gang. In einem aber können sich die Zuschauer sicher sein: Auch sie werden sich gruseln.

    Der Filmstoff entstand weder in einer Denkfabrik professioneller Drehbuchautoren noch aus einer Buchvorlage. Absolventen einer Filmschule in Florida haben sich vielmehr eines Tages darüber unterhalten, was ihnen in ihrer Kindheit am meisten Angst eingejagt hat. Sie einigten sich auf ein US-Fernsehprogramm aus den 70er Jahren mit angeblichen Dokumentaraufnahmen von Gruselphänomenen wie dem Ungeheuer von Loch Ness oder Spukhäusern. "All dieses unscharfe, grobkörnige Filmmaterial, das da gezeigt wurde, gab einem das Gefühl, dass man etwas sah, was es tatsächlich gab", sagte Eduardo Sanchez.

    Gemeinsam mit seinem Freund Daniel Myrick ging er daran, die fiktive Geschichte einer Frau namens Elly Kedward zu skizzieren, die 1785 in dem Ort Blair in Maryland gelebt hatte. Sie soll Kinder in ihr Haus gelockt und ihnen Blut abgezapft haben. Wegen Hexerei wird sie aus Blair verbannt und soll im tiefen Winter draußen erfrieren. In den nächsten Jahren sterben alle, die sie beschuldigt haben. Vor dem Fluch der Hexe flieht schließlich das ganze Dorf. 1824 entsteht dort ein neuer Ort namens Burkittsville. Einige mysteriöse Ritualmorde halten die Hexenlegende am Leben. Seltsam verschnürte, ausgeweidete Leichen werden am Coffin Rock gefunden.

    Am 20. Oktober 1994 kommen die College-Studenten Heather Donahue, Joshua Leonard und Michael Williams nach Burkittsville, um die Bewohner für eine Projektarbeit über die Hexengeschichte zu befragen. Am nächsten Tag machen sie sich mit Rucksäcken und zwei Kameras auf in den tiefen Wald, dem Black Hills Forest, um den Fundort der Leichen zu suchen. Danach wurden sie nie wieder gesehen. Ein Jahr später fand man nur eine Tasche von Heather mit den Videoaufnahmen, aus denen der 87-Minuten-Film "The Blair Witch Project" entstanden sein soll.

    Die Bilder sind manchmal amateurhaft verwackelt, einige Naheinstellungen und Kameraschwenks ohne erkennbaren Anlass. Gerade diese scheinbare Improvisation aber vermittelt den Eindruck der echten Live-Reportage. Der Film wechselt zwischen Heathers farbigen Aufnahmen und dem grobkörnigen Schwarzweißfilm aus Joshuas Perspektive. Zu hören ist nichts anderes als die Stimmen der Studenten und die Geräusche im Wald.

    Die Zuschauer erleben mit, wie die Studenten beim tagelangen Treck durch den Wald die Orientierung verlieren, wie sie nachts von unheimlichen Geräuschen neben dem Zelt aufgeschreckt werden und wie sie, konfrontiert mit immer mehr Spuren eines rätselhaften Wesens, von Beklemmung allmählich in Panik verfallen. Sie mutieren, wie der "Spiegel" treffend formulierte, "zu Hänseln und Gretel des MTV-Zeitalters: keine Ahnung, wo's langgeht, aber Hauptsache, die Kamera läuft".

    Auch die Darstellung wirkt täuschend echt; die jungen Leute sprechen keine vorgegebenen Dialoge, sondern improvisieren. Im Zuschauer ruft der Film - das ist das verblüffend einfache Trick daran - eigene Ängste wach. Bei den ersten Vorführungen ist der Film von Teilen des amerikanischen Publikums noch für bare Münze genommen worden. Auch wurden Warnungen verbreitet, zusätzlich zur Angst könne der Film Schwindel und Übelkeit erregen, wenn die Augen den schnellen Schwenks der Handkamera hinauf in die hohen Baumspitzen folgen. Nach der Vorstellung musste nicht selten vor den Kinositzen aufgewischt werden, hieß es.

    Einzigartig ist nicht nur die pseudo-dokumentarische Machart des Gruselfilms, sondern auch die Erfolgsstory. Die Herstellung kostete angeblich gerade mal 60.000 Dollar, eingespielt hat er aber rund 130 Millionen Dollar und ist damit die profitabelste Produktion der Filmgeschichte. Und noch nie zuvor ist ein Film über das Internet zum Kult aufgebaut worden. Daniel Myrick erklärte der Zeitschrift "TV Today": "Anzeigen konnten wir uns nicht leisten, eine Website kriegt man fast umsonst."

    Inge Treichel, AP

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