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    Er hat alles: eine perfekte Karriere, eine perfekte Familie und einen Klasse-Film im Kino. Warum ist er trotzdem nicht glücklich?

    Er rechnet immer mit dem Schlimmsten. Und er ist immer enttäuscht worden. Das Glück hat sich hartnäckig an seine Fersen geheftet. So gut meint es das Leben mit Til Schweiger, daß er es sich jetzt selber schwermacht. "Ich bin nicht so glücklich, wie ich eigentlich sein müßte", sagt er und reibt sich mit den Händen durch das beneidenswerte Gesicht. Schweiger ist müde. Kleine Augen. Rotgerändert. Schlecht geschlafen. Wie so oft in der letzten Zeit. Ruhe ist Ausnahmezustand. Nachts fragt sich der Star, wann ihn das Glück, an dessen Begleitung er sich gewöhnt hat, verlassen wird.

    Als ihm vor fünf Jahren ein Freund prophezeite: "Du wirst ein Star", hat er das gerne gehört. "Cool", dachte er. "Aber falsch." Schweiger ist vorsichtig in seinen Erwartungen. Und seit er berühmt ist, schließt er mit seinen Freunden Wetten ab, wie lange es noch dauert, bis Deutschland seinen Star nicht mehr leiden mag. "Beim nächsten Fehltritt ist es soweit. Die Leute warten doch nur darauf, daß ich meine Frau aus dem Fenster schmeiße oder im Suff jemanden überfahre. Es muß zwangsläufig geschehen, daß ich irgendwann zerbeutelt werde. Die Zeit ist bloß noch nicht reif."

    Sie war es beinahe, als sich im Fernsehen in der letzten Zeit mäßige Schweiger-Auftritte häuften. Aber mit seinem neuen Film "Knockin' On Heaven's Door" (Schweiger ist Hauptdarsteller und zum erstenmal auch Produzent) kann er den Absturz, mit dem er jederzeit rechnet, wohl noch einmal verschieben.

    In seinen schlaflosen Nächten grübelt Til Schweiger darüber nach, was er sonst noch tun kann, um ein Star zu bleiben. Dann denkt er an Amerika, "das Land der Ängste und Hoffnungen", wo ihn ein erfolgreicher Agent vertritt. Der hat Schweiger gesagt, daß er ihn ganz groß rausbringen kann.

    "Gesetzt den Fall, der Mann hätte recht. Was wäre das Ergebnis?" fragt Schweiger in solchen Nächten in sein Kopfkissen. "Dann wäre ich auch in Amerika nicht mehr anonym. Und wenn ich's da nicht mehr bin, bin ich es nirgends auf der Welt. Nein, das will ich nicht." Dann wälzt er sich auf die andere Seite und denkt: "Aber was ist, wenn die Leute in Deutschland keinen Bock mehr auf mich haben? Dann muß ich mir sagen, daß ich eine große Chance verpaßt habe."

    Sein Leben ist unübersichtlich geworden. Und ein gerad-liniger Mensch wie Schweiger, der es gewohnt ist, Entscheidungen aus dem Bauch zu treffen, tut sich schwer mit Komplikationen. Seine Frau hat gerade das zweite Kind und Til hat Angst bekommen. Angst vor Fehlern. "Ich überlege alles dreimal."

    An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Wieder bei Null anfangen in Amerika? "Es ist so schön, wenn man nicht mehr unten ist. Da wirst du behandelt wie ein Stück Scheiße." Doch was ist, wenn das große Land nicht wartet auf den kleinen Til? Die Angebote, die er bisher von dort bekam, hat er abgelehnt. Sie waren leicht abzulehnen. "Sag nur ein Wort, dann bleibe ich sofort hier", hat Til Schweiger zu seiner Frau gesagt. "Es ist eine Riesenchance", hat Dana Schweiger geantwortet. Im März geht er nun für ein halbes Jahr mit seiner Familie rüber, um die Sache vor Ort zu entscheiden. Und um endlich mal wieder ungestört einkaufen zu gehen.

    Durch deutsche Passagen schlurft der 33jährige "wie ein Redneck durch South Central." Den Blick auf den Boden geheftet, den Kopf zwischen den Schultern und eine Wollmütze - die mal als Tarnung gedacht war, aber mittlerweile zum Erkennungszeichen geworden ist - tief in die Stirn gezogen. Es ist der unauffällig auffällige Gang der Berühmten, die an jeder roten Ampel intensiv die Bordsteinkante studieren. "Du denkst: Jetzt schaffst du's bis zur nächsten Kreuzung, dann bist du in der Seitenstraße und in Sicherheit. Touch down. Und kurz vor der Ecke gibst du ein Autogramm, willst nett sein - und bist verloren." Til Schweiger hat die Gruppendynamik weiblicher Fans fürchten gelernt: "Ein Mädchen allein ist nicht schlimm. Aber wenn's mehrere sind, fangen sie an zu kreischen."

    Seit Sönke Wortmanns "Der bewegte Mann" ist Til der Deutschen liebster Star: der handliche Junge mit dem Vorzeigegesicht, der Vorzeigefamilie und der Vorzeigekarriere. In Interviews sagt er manchmal "ficken". Seinem supercoolem Lächeln sieht man an, daß es nicht so gemeint ist. Und wenn E.T. nach Hause telefonieren will, dann weint der Macker vor dem Fernseher. "Ich bin leicht auszurechnen", sagt der Durchschnitts-Superman.

    Das überzeugte auch die Filmförderung und den Verleih Buena Vista. Die Finanzierung für "Knockin' On Heaven's Door" stand innerhalb von einer Woche. "Wenn ich nicht der wäre, der ich bin, dann hätte ich niemals so einen Film produzieren können", sagt Til Schweiger. 5,3 Millionen Mark hat er gekostet, und schon die Entstehungsgeschichte des Filmes ist filmreif: Vor zwei Jahren sprach irgend so ein Typ, der in seiner Freizeit Drehbücher schrieb, den Schweiger in einer Buchhandlung an. Der las einige der Bücher und entschloß sich, "Knockin' On Heaven's Door" zu verfilmen. Wer die Regie machen würde, stand zunächst in den Sternen. "Da lasse ich mir was ganz Besonderes einfallen", versprach Schweiger seinen Partnern.

    Und die guckten ziemlich blöd, als er mit dem Namen rausrückte: Thomas Jahn, der drehbücherschreibende Taxifahrer aus der Buchhandlung, der bis dahin nicht einmal eine Bankverbindung hatte. An dem Tag, an dem Jahn seinen Regievertrag unterzeichnete, hob er 20000 Mark in 100-Mark-Scheinen ab und bezahlte seine Schulden. "Das war ein schöner Tag", sagt Jahn. "Heb jetzt bloß nicht ab", sagt Til. "Je mehr Erfolg du hast, desto kleiner werden diese Glücksgefühle. Man gewöhnt sich an alles."

    Die Erfolgslatte für "Knock in' On Heaven's Door" liegt hoch. Bei einer Million Zuschauern wäre die Enttäuschung groß. Erst bei 2,3 Millionen beginnen Schweiger und Partner daran zu verdienen. Eine verdammt hohe Hürde für einen so ungewöhnlichen Film. "Knockin'" ist eine Hommage an das große Kino, die sich unübersehbar aus US-Vorbildern wie "Thelma and Louise" und "Pulp Fiction" bedient und bis in die kleinste Rolle mit Klasse-Schauspielern besetzt ist. Zwei Todkranke (Til Schweiger und Jan Josef Liefers) lernen sich im Sterbezimmer einer Klinik kennen. Die beiden einigen sich darauf, daß es nur eines gibt, was man vor dem Tod dringend gesehen haben muß: das Meer. Weil im Himmel alle nur übers Meer reden und man da oben kein Outsider sein will.

    Sie büxen aus der Klinik aus, klauen einen Mercedes und machen sich auf den Weg. Dummerweise gehört der Wagen zwei Gangstern (Thierry van Werveke und Moritz Bleibtreu). Die machen sich auf die Suche nach den Dieben - wie die Polizei. Ballereien sind die Folge, bei denen niemand Schaden nimmt. Ein Banküberfall, bei dem der Kassierer was verdient. Und eine rührende Freundschaft, die sich zwischen den Todgeweihten auf ihrem Weg ans Meer entwickelt.

    So wie Schweiger mit dem Leben umgeht, so hat er auch seinen Film gedreht: Auf liebevolle Weise verharmlost der nice guy alles, was ihn erschrecken könnte. "Knockin'" ist ein lässiger Balanceakt zwischen Himmel und Erde - der dem Leid nie zu nahe kommt. Wenn's Probleme gibt, zieht sich die Kamera eilig zurück. Schmerzen, Krämpfe und Ängste mag Schweiger dem Publikum und sich selbst nicht in Großaufnahme zumuten.

    Leid beängstigt Til Schweiger, weil er sich nicht gewappnet fühlt dagegen. "Ich kenne das Leid nicht", sagt er. "Deswegen habe ich ja auch so große Angst vor einem Schicksalsschlag." Eine der größten Katastrophen seines Lebens war der Tod seiner Katze. "Schon als Kind habe ich mich gefragt, wie alt werde ich sein, wenn sie stirbt?" Er war 32, Minka fast 19. Sie starb während der Dreharbeiten zu "Knockin' On Heaven's Door", und Til hat die ganze Nacht durch geheult. Als die Katze eingeschläfert werden mußte, kamen Tils Eltern zu ihm nach Köln. "Mein Vater hat sie gehalten, und ich bin weggelaufen. Es war so schlimm. Ich habe mich verpißt", sagt Til mit demonstrativer Coolness und starrt die Wand an mit nassen Augen.

    "Das Thema Tod versuche ich zu verdrängen", sagt er und windet sich nervös auf seinem Stuhl, wie ein Kleinkrimineller beim Verhör. "Ich würde ja gerne glauben, daß es im Himmel weitergeht. Aber wo sollen die denn alle sein? Römer, Ägypter? Astronauten? Nee, das ist wirklich nicht mein Lieblingsthema. Ich drücke mich auch, wo's nur geht, um Beerdigungen."

    Als Til 15 war, wurde ein Freund von ihm erstochen. "Der hat ein Messer in den Kopf gekriegt. So was kommt vor", sagt er. "Wenn's einen Himmel gäbe - das wäre schon cool." Cool ist ein Wort, das Til Schweiger oft benutzt, aber eine Eigenschaft, die ihm fehlt. Bei der Beerdigung wurde ihm so schwindelig, daß er fast ins Grab gefallen wäre. "So was muß ich mir nicht mehr geben."

    Ansonsten verlief Til Schweigers Jugend erfreulich. Er war im Fußballverein, ging gerne in die Schule und prügelte sich auf dem Pausenhof. Als er 13 war, wurden die Mädchen auf den niedlichen Jungen aufmerksam, der ein Jahr zu früh eingeschult worden war und bei Klassenkameradinnen Beschützerinstinkte weckte. In der neunten Klasse blieb er sitzen und war endlich gleich groß.

    Jugendsünden beging Til Schweiger in Maßen - und wenn, dann ließ er sich, im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern, nicht dabei erwischen. Einmal klaute er seinem Vater Geld aus dem Portemonnaie. Hin und wieder ließ er im Supermarkt was mitgehen. Ahoi-Brausewürfel zum Beispiel - die aß damals jedes Kind, das was auf sich hielt.

    Mit 14 wollte er cool sein und fing an zu rauchen. Mit 33 fing er an, die Leute für cool zu halten, die nicht rauchen. 450 Mark hat Schweiger bezahlt für einen Nichtraucherkurs. "Erfolgsquote: 90 Prozent", sagt Schweiger und zündet sich betrübt eine Zigarette an. "Aber ich werde es irgendwann schaffen."

    An den Sonntagen fuhr Familie Schweiger zum Pflichtspaziergang in den Wald und einmal im Jahr zu den Ostermärschen. Später demonstrierte Til freiwillig für den Frieden - und stand im Jahr danach als Soldat mit scharfer Munition auf der anderen Seite des Zaunes. "Und da war ich auf der falschen Seite. Also habe ich nachträglich verweigert."

    Til Schweiger ging als Zivi ins Krankenhaus. "Tumore und Motorradunfälle. Das ganz harte Programm. Eine Oma wacht aus dem Koma auf, erzählt dir von ihrem Bauernhof, und drei Stunden später ist sie kaputt. Da stirbt ein Kind, und du sitzt im Nebenzimmer und ißt dein Eibrötchen." Vier Monate hielt er es aus, dann ließ sich Til auf eine andere Station versetzen. Dort schmuggelte er einigen Patienten Bier aufs Zimmer und wurde von den Schwestern mit "Da kommt unser Sonnenschein" begrüßt. "Im Grunde war es eine geile Zeit", sagt Til. "Ich habe mich noch nie so wichtig gefühlt."

    Für seine Eltern, beide Lehrer, war Til der Junge, mit dem sie am wenigsten Streß hatten. Bis zu dem Moment, als er verkündete, er wolle Schauspieler werden. "Jetzt fängt der auch noch an rumzuspinnen", seufzten sie und hofften auf eine vorübergehende Verwirrung. "Die haben mir das nicht zugetraut", sagt Til. Zur Zeit überlegen die Eltern Schweiger, eine Geheimnummer zu beantragen, und fragen ihren Sohn, ob er in Interviews nicht mal nachdenken kann, bevor er was sagt.

    Nach der Schauspielschule bekam Schweiger eine Rolle in der "Lindenstraße". Da war er der glücklichste Mensch der Welt. Nicht lange - denn nach einiger Zeit begann er sich danach zu sehnen, "mal einen Satz zu sagen, den auch ein Mensch sprechen würde". Er war immer erleichtert, wenn seine Auftritte wenigstens nicht peinlich waren und er nicht Dinge von sich geben mußte, von denen er befürchtete, daß ihn ganz Deutschland dafür hassen würde. "Die dümmste Scheiße."

    Aber ganz Deutschland liebte ihn. Und nach "Manta Manta" und "Der bewegte Mann" bemerkte Til eine "dramatische Entwicklung". Der begehrte Mann machte sich Sorgen, ob er je eine Freundin finden würde. "Eine, bei der ich sicher sein kann, daß sie mich und nicht meinen Erfolg liebt."

    Dana, amerikanisches Model, traf den Star in einer Kneipe und war wenig beeindruckt. Wo sie herkommt, ist fast jeder Schauspieler und meistens arbeitslos. Sie ließ sich von Schweiger erobern, brachte zwei Kinder zur Welt und den Egoisten auf den Teppich. "Glaubst du, du bist der einzige auf der Welt?" faucht sie ihn ab und zu an, wenn Til mal wieder Monologe über Kameraeinstellungen hält. Dann ist er erst mal schwer beleidigt, aber er gibt wenigstens Ruhe. "Ich gehe Dana auf die Nerven - und sie ist die erste, die mir das auch sagt."

    Früher haben seine Freundinnen den Mund gehalten. Haben sich zuquatschen lassen und sich irgendwann aus dem Staub gemacht. Til Schweiger hat wenige Beziehungen aktiv beendet. Er hat sich lieber so lange so schlecht benommen, bis die Frauen freiwillig gegangen sind. "Feigheit vor dem Feind", nennt er das.

    Immerhin will er jetzt daran arbeiten. Und an seinem Egoismus und der Nachlässigkeit im Umgang mit Freundschaft. Die Probleme anderer Leute erscheinen ihm grundsätzlich als die kleineren. Neulich hat er sich von einem Freund eine CD geliehen - und sie ihm zerkratzt zurückgebracht. "Ist doch kein Drama", dachte Til. Er hält sich schon für einen bemerkenswert guten Freund, weil er die CD überhaupt zurückgegeben hat.

    Wie die meisten Egoisten ist Til Schweiger einer, der auf Kontrolle kaum verzichten kann. Wenn er nichts mehr zu melden hat - im Flugzeug zum Beispiel - fühlt er sich hilflos. Manchmal gibt sich Til vor dem Flug die Kante. Oder er versucht sich an den Rat seines Freundes Bernd Eichinger zu halten: "Der Feige stirbt jeden Tag - der Mutige stirbt nur einmal im Leben." Bei Start und Landung schließt Schweiger die Jalousie vor dem Fenster, krallt sich am Sitz fest und sagt sich: "Hey, Til, wenn du jetzt die Biege machen sollst, dann muß du eben die Biege machen."

    Til Schweiger beneidet Menschen, die gerne fliegen. Er beneidet Menschen, die glücklich sind, obschon sie nicht rauchen. Und er beneidet Menschen, die an den Himmel glauben. "Stell dir vor, du glaubst dein Leben lang an den Himmel, und wenn du tot bist, stellst du fest, daß es keinen gibt." Er will sich die Überraschung nicht verderben und die Enttäuschung nicht herausfordern. Wenn Til Schweiger an die Himmelstüre klopft, dann will er sich wundern. Und aus vollem Herzen sagen: "Cool."

    Copyright STERN 1995 - 97

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