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  • Kritik: Facettenreiches Kurzfilmprojekt zu New Yorker Attentat

    Es waren keine aufwendig in Hollywood hergestellten Special Effects, die am 11. September 2001 über die Bildschirme flimmerten: Die Realität hatte den Katastrophenfilm eingeholt, das Horror-Szenario der Twin Towers war echt und wurde live in alle Welt gesendet.

    Die Studiobosse veranlassten daraufhin eine Art Anstandsfrist: Action-Produktionen wie "Spiderman" wurden zum Teil neu gedreht, bei anderen wurden die Starttermine verschoben. Doch inzwischen scheint im Mainstream-Kino wieder alles beim Alten.

    Jeder Macher hatte genau elf Minuten und neun Sekunden Zeit

    Mit "11'09''01 - September 11" kommt aber eine tiefer gehende Auseinandersetzung internationaler Autorenfilmer mit dem Terroranschlag islamischer Fundamentalisten. Claude Lelouch (Frankreich), Ken Loach (England), Mira Nair (Indien) und Shohei Imamura (Japan) gehören zu den elf renommierten Regisseuren, die der französische Produzent Alain Brigand für sein anspruchsvolles Kurzfilmprojekt gewinnen konnte. Jeder von ihnen bekam elf Minuten und neun Sekunden Zeit, eine eigene Vision zu produzieren.

    Herausgekommen ist ein facettenreiches Werk mit elf unterschiedlichen Standpunkten, die sich oft gar nicht auf das Ereignis selbst beziehen. Die meisten Beteiligten nehmen das Attentat zum Anlass, politische oder soziale Zustände im eigenen Land zu durchleuchten, eigene Befindlichkeiten zu analysieren oder die Rolle der Medien zu untersuchen. Entsprechend verschieden sind ihre künstlerischen Mittel und die Eindringlichkeit der Ergebnisse.

    Ken Loach provoziert politisch

    Die heftigste politische Provokation liefert Ken Loach, 66 Jahre alter Alt-Linker des britischen Films ("Riff Raff", 1991). Loach lässt einen Exil-Chilenen an Hinterbliebene in New York schreiben und suggeriert dabei, dass sich 1973 bei der Ermordung des marxistischen Präsidenten Allende in Chile die CIA ähnlich verhalten hätte wie die Terroristen um Mohammed Atta. In seine fiktive Situation arbeitet Loach Dokumentaraufnahmen des damaligen Militärputsches ein.

    Experimenteller Beitrag aus Mexiko

    Spirituell und experimentell dagegen der Beitrag von Alejandro González Inárritu (35) aus Mexiko: Seine schwarze Leinwand wird zunächst nur sporadisch von blitzartigen Bildern aus dem World Trade Center fallender Menschen erhellt. Dazu hört man letzte Handy-Anrufe und ein Gebet mexikanischer Indios. Am Ende ist die Leinwand taghell.

    Mal dicht dran am Leben, mal sehr abstrakt...

    Der 66 Jahre alte Claude Lelouch ("Ein Mann und eine Frau") bleibt seinem alten Thema treu: Bei ihm will am Tag der Katastrophe eine taubstumme Französin ihren New Yorker Geliebten verlassen. Der Fernseher läuft, während sie sagt: "Es ist immer das Ende der Welt, wenn ein Paar sich trennt." Idrissa Ouedraogo (48) aus Burkina Faso nähert sich der Aufgabe mit Humor: Fünf pfiffige Schuljungen jagen bei ihm einen vermeintlichen Osama bin Laden, um an 2,5 Millionen Dollar Kopfgeld zu kommen. Der 76 Jahre alte Altmeister Shohei Imamura ("Die Ballade von Narayama", 1983) zieht das Thema in den japanischen Kulturkreis und überhöht es zu einer mythologischen Anklage gegen Gewalt: Ein Veteran des Zweiten Weltkrieges hat sich bei ihm in eine Schlange verwandelt, die auf dem Boden kriecht und Menschen beißt.

    ...aber nie pro-amerikanisch

    Bei allen Unterschieden ist den beteiligten Regisseuren gemeinsam, dass sie keine pro-amerikanische Stellung beziehen. Vielmehr nutzen die Künstler das Thema, die vielfältigen Gesichter der Gewalt zu reflektieren. Dass sie dabei auch den Zuschauer anregen, sich weiter führende Gedanken zu machen, ist das eigentliche Verdienst des Films.

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    Ulrike Cordes, dpa

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