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  • Kritik: Expressionistisches Drama über die Skin-Szene

    Frankfurt/Main - Der erste Schritt ist das Rasieren des Kopfes. Zum Vorschein kommt die blanke Haut - daher der Name "Skinhead". Zur Glatze gehören Springerstiefel und Bomberjacken wie zum Hamster das Rad. Doch Vorsicht: Im Film "Oi! Warning", der am 19. Oktober anläuft, geht es nicht um Neonazis.

    Wenn der sanft aussehende Janosch sich den Kopf rasiert, ist dies nur das äußerlich sichtbare Zeichen seines Ausbruchs aus dem Bürgertum. Janosch reißt aus von zu Hause, weg vom idyllischen Bodensee, von allem, was einengt, bevormundet, und langweilt.

    Er zieht nach Dortmund, zu seinem kahl geschorenen Jugendfreund Koma und dessen schwangerer Freundin, und findet seine neue Heimat in der Skin-Szene. Diese martialische Männergruppe sucht ihre Identität mit wüsten Gesängen, durch "Oi"-Grölen, rituelles Biersaufen, Schlägereien und Tätowierungen: Männlichkeitsrituale bis zum Umfallen. Ihre Intimfeinde sind die Punks, die mindestens so viel Sorgfalt auf ihre Haartracht wie die sich ständig rasierenden Skins verwenden - nur ist bei Punks "Hair" angesagt, und am liebsten lange, verfilzte "Dreadlocks" wie bei Zottel. Mit diesem freundet sich Janosch an.

    Ihr Debütfilm hat den Zwillingen Dominik und Benjamin Reding im Ausland bereits acht Preise eingebracht. Unter anderem lief "Oi! Warning" auf dem renommierten Sundance-Festival in den Rocky Mountains, das ein Sprungbrett nach Hollywood ist. In der Tat hat kein anderer deutscher Film im Jahr 2000 international bis jetzt so viel wohlwollendes Aufsehen erregt. Der Erfolg ist zugleich ein Lehrstück über das deutsche Filmförderungs-Unwesen. Fast alle Geld verteilenden Gremien haben "Oi! Warning" nämlich abgeschmettert.

    Vielleicht hielten sie die Redings, die sich nicht nur filmisch als Kenner der Subkultur erwiesen, sondern auch in ihrem Erscheinungsbild der Szene annähern, nicht für seriös. Vielleicht waren es aber auch politische Scheuklappen und die Angst, einen Film zu finanzieren, der die Neonazi-Szene feiert. Dabei kann "Oi! Warning" nur von Böswilligen als rechtsradikale Propaganda missverstanden werden. Dieses schwarz-weiße Drama mit Laiendarstellern ist vielmehr ein stilistisch überraschend konsequentes und innovatives Debüt und spannend bis zum Schluss.

    Furchtlos haben die Redings ein Phänomen in den Blick gerückt, dass bei vielen männlichkeitsbetonenden Gruppen eine wichtige Rolle spielt: die homoerotische Anziehungskraft. Kein Wunder, dass Frauen nur nerven, entweder als besorgte Mütter oder in Gestalt von Komas Freundin Sandra, die die Karikatur einer Kleinbürgerin ist. Auch Blanca, mit der Janosch eine Zeit lang liiert ist, hat schon beim ersten Treffen den Bausparvertrag im Sinn. Frauen sind die Verkörperung der Zwänge, vor denen Janosch und Koma fliehen.

    Mit expressiver, grotesker Komik spießt der Film ein bestimmtes weibliches Verhalten auf. Für einen deutschen Film ist dieser scharfsichtige, böse Witz ungewöhnlich und wohl mit dafür verantwortlich, dass der Film im Ausland so gut ankommt. Und Janosch, der ein wilder Mann sein will, schwäbelt niedlich: Krude und ohne gut gemeinte Küchenpsychologie prallen Schein und Sein aufeinander. "Oi! Warning" ist eine aufregende, oft brutale Achterbahnfahrt der Gefühle, die aber "gut riecht", weil sie frei ist von vorauseilender Betroffenheit und Pädagogenklischees.

    Birgit Roschy, AP

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