40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Erlkönigs Wiederkehr
  • Kritik: Erlkönigs Wiederkehr

    Eigentlich ist er kein Kinderfresser, wie er im Märchenbuch steht, sondern ein tapsiger, riesiger Kindskopf von schlichtem Gemüt. Er ist (in einem Pariser Kleinbürgerviertel Ende der dreißiger Jahre) Inhaber eines Autoreparatur-Schuppens, aber wohl kein glänzender. Dafür steht er zu oft an der verschmierten Werkstatt-Fensterscheibe und schaut träumerisch den Schuljungen oder Mädchen in ihren dunklen Kitteln zu, die drüben an der Mauer Ball spielen.

    Er wirkt abweisend. Man braucht eine Weile (und der Film gibt sie einem), bis man Interesse für diesen schwerfälligen Eigenbrötler zu entwickeln beginnt, der den Mund zum Reden kaum aufkriegt. Schon durch seinen Namen Abel ist er als Verlierer, als Opfer gezeichnet. Wenn seine Freundin post coitum schnippisch bemerkt, seine Leistung lasse zu wünschen übrig ("Du Unhold!"), hat sie wohl Grund dazu, denn in Gedanken ist Abel kaum bei dieser Sache, vielmehr ganz woanders, entweder in den unendlichen Wäldern und Weiten Kanadas oder bei den Mädchen und Jungen, die er anhimmelt und, wenn sie es zulassen, heimlich fotografiert.

    Es ist nichts Böses an dieser Neigung, sowenig wie beispielsweise bei Lewis Carroll: Abel der Kinderfreund fühlt sich als ihr Beschützer, als Schutzengel oder, wenn er einen verzückten Augenblick lang eines von ihnen auf den Armen trägt, als Heiliger Christophorus. Aber wie könnte man dieses über-Sinnliche den Holzköpfen auf dem Polizeirevier begreifbar machen, nachdem ein undankbares kleines Mädchen den Schutzengel als Schmutzfink verleumdet hat?

    Abel glaubt tief in seinem Innersten, ihm persönlich sei im Weltenplan zwischen Luzifer und Messias eine besondere Rolle zugedacht, und deshalb würde, wenn es sein muß, die allerhöchste Aufsichtsbehörde zu seinen Gunsten in den Gang der Geschichte eingreifen. In der Tat, als ihm nun im Sommer 1939 ein Prozeß als Kinderschänder bevorsteht, bricht im rechten rettenden Augenblick der Zweite Weltkrieg aus: Abel wird an die Front expediert.

    Im Fortgang seines Lebensabenteuers - der den größeren Teil von Michel Tourniers 1970 erschienenem Roman "Der Erlkönig" und nun von Volker Schlöndorffs 1995 gedrehtem Film "Der Unhold" ausmacht - kommt Abel als Kriegsgefangener nach Ostpreußen, findet dort die erträumten kanadischen Wälder und Weiten seiner Kindheit, schließt Freundschaft mit einem Elch, dann mit einem alten Forstmeister, gerät als Gehilfe an den "Jägerhof" in der Rominter Heide, wo der pompöse Reichsmarschall Göring seine Jagdfeste feiert, und endlich als Hausmeister auf die Deutschordensritterburg Kaltenborn: Da werden in einer "nationalpolitischen Erziehungsanstalt" 400 hübsche Hitlerjungen zur Elite von morgen gedrillt - für den pädophilen Schwärmer Abel das Paradies. Aber ach, da ist dieser Krieg, da ist diese gefräßige Todesmaschine, die mählich vom Osten her näherrückt!

    Von Station zu Station sind die großen historischen Ereignisse (etwa die Niederlage von Stalingrad oder das Attentat in der Wolfschanze) eben recht gekommen, um Abels weiteren Weg zu weisen: Da behaupte niemand mehr, daß in der ganzen Geschichte kein Sinn sei.

    Niemand freilich auch wird behaupten, daß eine so sinnstiftende Kausalität aus dem sogenannten täglichen Leben gegriffen sei. Sie gibt sich vielmehr mit geradezu blasphemischer Ironie als künstlich zu erkennen: Der Autor dieses manieristischen Schelmenromans läßt seine Figur nach seinem Belieben an Marionettenfäden tanzen und buckelt ihr an Erlebnissen auf, was ihm in seinen exzentrischen Interessenkram paßt.

    Es ist erstaunlich, wie treu der Film der Handlungsspur dieses phantastisch verschnörkelten Stückes Literatur-Literatur folgt. Anfangs bleibt er episodenhaft und bekommt durch die Reihung effektvoller Gaststar-Auftritte etwas von einer Nummernparade, gewinnt aber allmählich über alle Konstruiertheit hinweg Eigenbewegung und innere Plausibilität.

    Das ist John Malkovichs Sache: Er gibt dieser sinistren Simplicissimus-Figur Abel, die sich immer in Aspekte aufzulösen droht, Zusammenhalt durch einen kompakten Umriß und eine tief innen glühende Passion. Wenn Anteilnahme den Film bis zum Ende zu tragen vermag, dann durch die Faszination, die von Malkovich ausgeht, von diesem unschuldigen Unhold, den die Berufung zum Wahnsinn durchs Leben treibt.

    Merkwürdigerweise hat Volker Schlöndorff, wie er sagt, Michel Tourniers in Frankreich hoch prämierten und gepriesenen Roman "Der Erlkönig", obwohl er ihm öfter von Bekannten als "Blechtrommel"-artiger Filmstoff empfohlen wurde, bis zum Sommer 1993 nie gelesen. Er mußte geradezu darauf gestoßen werden, indem ihm als neuem Geschäftsführer des Studios Babelsberg das Verfilmungsprojekt eines anderen Regisseurs auf den Tisch kam - dann aber hat Schlöndorff sich offenbar rasch und mit allem Enthusiasmus, mit allem Leichtsinn des Hingerissenen auf dieses Projekt gestürzt.

    Der Befreiungsschlag hat sich gelohnt: Sein Film "Der Unhold" (Originaltitel: "The Ogre"), der bei den Festspielen in Venedig uraufgeführt wurde und nächste Woche in die deutschen Kinos kommt, ist dicht, deftig, unverschmockt und geht souverän mit großen Filmwirkungen um. Er trumpft auf, ohne sich anzupreisen. Schlöndorff ist nicht Visconti; von den schwülstigeren Möglichkeiten des Stoffes hält er sich fern. So ist seine "Erlkönig"-Version nicht die rauschhafteste, exaltierteste, sondern die vernünftigste und erzählbarste, doch auch darin ist sie ein respektvolles Exempel der Gattung "Verfilmung eines bedeutenden Romans": Sie hat soviel Magie, wie ein Profi hervorzubringen vermag, der kein Magier ist.

    Ein Buch ist ein Buch, und ein Film ist ein Film, wie jedermann weiß. Wer es dennoch etwas genauer wissen will, mag an der Titelverschiebung vom einzigartigen, mythenumschwängerten "Erlkönig" (den von Shakespeare über Herder und Goethe bis Schubert viel Bedeutung bekränzt) zum allgemeinen, platten "Oger" oder "Unhold" die Reduktion ablesen.

    Den Abel des Romans, der sich in seinen Tagebüchern als Mann von alchemistisch-bizarrer Gelehrsamkeit zeigt und gern über den Symbolwert seiner selbst als Heilsträger spekuliert, hat Schlöndorff vom hohen Roß des Pseudosakralen heruntergeholt und in den Laienstand zurückversetzt: Er hat ihm die Naivität des Naturburschen wiedergegeben. Das kommt der Figur nicht nur filmisch zugute: Während die hochtrabende Passion des Tournier-Helden auf den Tod angelegt ist, darf Schlöndorffs Stehaufmann Abel den Untergang überleben.

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    4°C - 8°C
    Sonntag

    6°C - 9°C
    Montag

    4°C - 8°C
    Dienstag

    5°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!