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  • Kritik: Erinnerungs-Puzzle eines Mordfalls

    Der Film läuft anfangs buchstäblich rückwärts, es bleibt nicht viel Zeit, das Polaroid vom Tatort eines Mordes zu betrachten. Das Foto verblasst und verschwindet wieder in der Kamera.

    Die Anfangssequenz von Christopher Nolans Film "Memento" ist ungewöhnlich: Fragmente eines Verbrechens setzen sich zusammen, um sich im Handumdrehen wieder zu verflüchtigen. Wie das Gedächtnis von Leonard Shelby (Guy Pearce), der entschlossen ist, den Mord an seiner Frau aufzuklären und zu rächen. Sein Gedächtnisspeicher reicht für eine Viertelstunde, was er festhalten muss, notiert er. Oder er tätowiert es sich auf den Körper wie auch seine Mission: "Find him and kill him!"

    Wem kann er trauen, wer treibt sein Spiel mit ihm?

    Nolans Film, nach einer Kurzgeschichte seines Bruders Jonathan Nolan gedreht, ist auch für die Zuschauer ein Puzzle. Sie wissen nicht mehr über Shelby als er selbst. Der ehemalige Versicherungsdetektiv agiert in einem engen Zeitradius, sein Leben organisiert er mit Hilfe von Karteikarten und Polaroidfotos. Die Technik, die er in seinem Beruf perfektioniert hat, wird ihm nun zur Obsession. Die Rekonstruktion eines Mordes bedeutet für den Mann ohne Erinnerung die Wiederherstellung der eigenen Identität. Und auch die wird mit jedem Schritt zurück fragwürdiger. Jedes Stück eisern zurückeroberter Wirklichkeit entlarvt eine Täuschung. Wem kann er trauen, wer treibt sein Spiel mit ihm?

    Zuschauer haben Teil am Ringen um die Wirklichkeit

    Nathalie (Carrie-Anne Moss) könnte seine Verbündete sein und die Klette Teddy (Joe Pantoliano) tatsächlich ein treuer Freund. Für einen Mann, dessen Gedächtnis gelöscht ist, liegt es nahe, überall ein Komplott zu vermuten, denn die Wahrnehmung von Wirklichkeit unterliegt der Manipulation. Das ist die einzige Gewissheit, die Shelby und mit ihm das Publikum in Nolans raffiniertem Memo-Thriller gewinnt. Das Kombinieren von Fakten wird zum Sisyphus-Akt, da sich Wahrheit und Lüge relativieren. Szene für Szene bewegt sich die Handlung um einen Schritt zurück, die Zuschauer haben an diesem Ringen um die Wirklichkeit teil.

    Qual- und lustvoll zugleich

    Vom Ende zum Anfang oder umgekehrt kommt man nur mit Shelbys ausgeklügeltem System. Wer hier den Anschluss verpasst, ist verloren. Es ist keine Schande, den Streifen ein zweites Mal sehen zu müssen, um sich in seinem Koordinatensystem zurechtzufinden. Nolans Film fordert zu einem Kraftakt heraus, der ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert, weil es weder einen roten Handlungsfaden gibt noch eine geschlossene Indizienkette wie in einem konventionellen Thriller. Die Erzählmuster des Genres hatte der Filmemacher schon in seinem Debüt "Following" aufregend umarrangiert. "Memento" folgt der Dramaturgie einer mühseligen Erinnerungsarbeit - je nach Gusto eine qualvolle oder eine lustvolle Marter, der man sich im Kino aussetzen kann.

    Gabriele Meierding, dpa

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