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  • Kritik: Emotionale Sprengkraft einer Beerdigung

    Hamburg - "Wer mich liebt, nimmt den Zug", sagte der Maler Jean-Baptiste vor seinem Tod. Dann starb der charismatische Mann, der Familie und Freunde geliebt, manipuliert, beherrscht und gegeneinander ausgespielt hat.

    Und alle jene, die um seine Liebe verzweifelt gekämpft haben, die ihn bewundern und hassen mußten, finden sich im Zug nach Limoges wieder, wo sie den Toten begraben. Aus dieser Reise, der Beerdigung und der anschließenden Feier hat der Regisseur Patrice Chereau einen starken, emotional explosiven Film gemacht über Menschen an den Tief- und Wendepunkten ihres Lebens.

    Chereau ist einer der international bekanntesten und vielseitigsten französischen Regisseure. Er war 32 Jahre alt, als er 1976 bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth einen provozierenden, später gefeierten "Ring" inszenierte. Eine Art großer, opulenter Oper lieferte er auch mit dem Historienfilm "Die Bartholomäusnacht" (1994). "Kino und Theater sollten keine getrennten Welten sein", sagte Chereau auch dieses Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes, wo er mit "Wer mich liebt, nimmt den Zug" beeindruckte.

    Vom Theater nimmt Chereau die Präzision, mit der er sein fantastisches Schauspielerensemble in seinem neuen Werk durch eine Tour de force der Trauer, enttäuschten Gefühle, trügerischen Erinnerungen und klärender Neubesinnung führt. Die Mittel des Films ermöglichen ihm, das Tempo von Anfang an hoch zu halten, seinen Kessel voller Temperamente und Charaktere sofort auf das Feuer zu setzen und die Entwicklung wie unter der Lupe zu beobachten.

    Es beginnt gleich beim Treffen der Trauergemeinschaft am Bahnhof und den ersten Minuten im Zug. Rasch und genau wird ihre Beziehung zu dem Toten skizziert, die auch mit dafür verantwortlich ist, daß sie mit dem Leben Probleme haben.."Die Situation im Zug fängt immer schnell an zu sprechen", erklärt Chereau seine Taktik. "Ich konnte dadurch die Situation sehr schnell voranbringen."

    Zwei Figurengruppen stehen zunächst im Vordergrund: Da ist Jean- Marie (Charles Berling), leiblicher Sohn des Malers, der aber stets mit dessen Studenten und homosexuellen Freunden konkurrieren mußte. Er hat sich gerade von seiner Frau (Valeria Bruni-Tedeschi) getrennt, die Gefühlswunden liegen bei beiden schmerzhaft offen. Und da ist Francois (Pascal Greggory), ehemaliger Schüler, ideeller Sohn und leidenschaftlicher Ex-Freund des Toten, dessen Beziehung zu seinem aktuellen Lebensgefährten während der Bahnfahrt durch das Erscheinen eines HIV-infizierten Lovers an einen dramatischen Endpunkt gerät.

    "Es gibt Paare, die sich trennen, Paare die sich wiederfinden oder in neuen Arrangements weitermachen", beschreibt Chereau den Grundaufbau der Handlung. Nach der Beerdigung, im Haus des Bruders des Toten, kommt es zur teils gewalttätigen, teils zärtlichen Klärung. Dabei kommt Jean-Louis Trintignant, der in kurzen Szenen zuvor schon den lebensmüden Maler gespielt hatte, eine wunderbare zweite Rolle zu: Als früherer Schuhfabrikant, der all die Konflikte und das Leiden seiner Familie und Freunde nicht ertragen kann, sorgt er für die poetischste Szene dieses ansonsten beinahe unter seiner Konfliktlast zusammenbrechenden Filmes.

    Karin Zintz, dpa

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