40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Emmerich ermordet "Godzilla"
  • Kritik: Emmerich ermordet "Godzilla"

    Die Killerechse Godzilla ist ein erbarmungswürdiges Geschöpf. Gezeugt aus der Paarung von totalem Vernichtungswillen und dem japanischen Trauma namens Hiroshima/Nagasaki verbreitet es Furcht und Schrecken. Denn Godzilla ist der Bastard der Atombombe und damit auch der Bastard der Menschheit, die dieses Höllenfeuer auf Erden ersann. Wenn das gigantische Monster gnadenlos wütet und zerstört, wird der Menschheit gleichsam ein Spiegel vorgehalten, in dem sie ihrer eigenen Ungeheuerlichkeit ansichtig wird. Deshalb haben wir allen Grund, Mitleid für Godzilla, also Mitleid mit uns selbst zu empfinden: Das Monster ist unser todkrankes, todbringendes Kind.

    Ausgerechnet einer, der nichts von dieser Tragik weiß oder auch nur ahnt, hat diesen 125 Millionen Dollar teuren, 138 Minuten langen Film gedreht, der "Godzilla" heißt. Doch was da am 10. September mit viel Tamtam in die deutschen Kinos kommt, zeugt lediglich von der erbarmungslosen Profitgier und Ruhmsucht des Hollywood-Deutschen Emmerich. Daß der die grandiose japanische Kinolegende auf die allereinfallsloseste Weise plündert, könnte ihm noch nachgesehen werden. Daß er keine interessanten Charaktere zeichnen kann, die Dialoge unter allem Niveau sind, die Musik nur dröhnender Tonqualm, jede Szene so absehbar ist wie die Abfolge der Wochentage und die Figuren Pappkameraden sind, das war kaum anders zu erwarten.

    Aber all das wäre nur Grund, dem zahlungswilligen, nach neuen Sensationen gierenden Kinogänger zu raten, sich besser ein Video der unzähligen fernöstlichen "Godzilla"-Versionen zu besorgen und daran trotz deren tricktechnischer Unterlegenheit zu erfreuen. Erspart bleibt ihnen dann die von Emmerich schon bei seinem "Independece Day" unter Beweis gestellte dumpf-widerwärtige Vernichtungsphantasie bei der Konfrontation mit dem Fremden. Filmisch ist "Godzilla" ein so aufgeblähtes, selbst tricktechnisch wenig überwältigendes Machwerk, daß es keinerlei Bosheiten der von Emmerich verachteten Filmkritiker bedarf, um es zum Platzen zu bringen.

    Das haben in den USA ganz einfach jene maßlos enttäuschten Zuschauer besorgt, die gutgläubig der mächtigen Werbetrommel um "Godzilla" aus Hollywood gefolgt waren, aber danach ihren Freunden, Nachbarn und Kollegen dringend abrieten, für dieses hohle Spektakel auch noch Geld zu investieren. Deshalb ist der von Emmerich und seinem Partner im Ungeist namens Dean Devlin angerichtete Flurschaden sehr überschaubar geblieben: Nur 135 Millionen Dollar hat die gnadenlose Verfolgung und Ermordung von Godzilla und seiner Brut in Amerika eingespielt. Einmal mehr hat sich das so oft gescholtene Massenpublikum klüger gezeigt als profitgierige Produzenten.

    Daß Japans Toho-Studios die Rechte an ihrer populärsten Schöpfung 1995 gegen viel Geld an Hollywood verkauften, war schon eine kleine nationale Katastrophe, es hagelte Proteste aus der Bevölkerung. Daß sich Toho nicht dagegen absicherte, sein modernes Trivialmythos, das sie japanisch Gojira (deutsch: Gorillawal) nennen, dem infernalische Duo Emmerich/Devlin auszuliefern, ist eine triste Erniedrigung für die derzeit ohnehin gebeutelten Inseln in Fernost. Da hilft es auch wenig, daß listigerweise vor der Auslieferung des armen Monsters 1995 noch rasch der Film "Godzillah vs. Destroyah" abgedreht wurde, in dem der moderne Liebling Nippons den Atomtod stirbt.

    Das war ein vergleichsweise logischer und würdiger, sozusagen natürlicher Tod Godzillas. Was Emmerich nun anbietet, ist indes die unwürdige und gewaltsame Variante. Nur der französische Schauspieler Jean Reno, der im Film den Sündenfall seines Landes bereinigen soll, schreitet aufrecht durch die versumpfte Handlung. Aber Reno kann nicht retten, was von vornherein verloren war. Der milchgesichtige Hauptdarsteller Matthew Broderick als Wurmforscher oder gar die bemitleidenswert unbegabte Maria Pitillio als seine mediensüchtige Freundin sind hingegen so unsäglich wie fast alles in dem Streifen und fallen allein deshalb kaum noch auf.

    Diesem Hollywood-"Godzilla" ist nicht vorzuwerfen, daß der Film keine Kunst will und hat. Ein bißchen mehr Phantasie, entschieden mehr Respekt vor der tragischen Hauptfigur, solide Charaktere, originellere Effekte sowie Spannung statt sinnloser Tierquälerei - darauf hat das anvisierte große und zahlende Publikum allerdings schon ein Recht. Aber Emmerich und Devlin beweisen mit ihrem "Godzilla", daß sie das Publikum ebenso verachten wie jene fernöstliche Mythengestalt, die der ganzen Welt gehört. Es wird gemunkelt, Emmerich könnte bald einen "James Bond"-Streifen drehen: Briten, aufgepaßt! Vorerst aber: Japaner, verzeiht!

    Wolfgang Hübner, AP

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Freitag

    1°C - 8°C
    Samstag

    5°C - 7°C
    Sonntag

    5°C - 9°C
    Montag

    3°C - 7°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!