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  • Kritik: Elegantes Spiel um Liebe und Voyeurismus

    Das französische Kino war schon immer groß in der Darstellung kleiner menschlicher Schwächen. Als im Film «Intime Fremde» die attraktive Anna plötzlich in das Büro des Steuerberaters William platzt und ihn mit freizügigen Details aus ihrem Liebesleben überschüttet - sie wollte zu einem Psychotherapeuten und hat sich in der Tür geirrt -, findet der farblose Mann nicht die Kraft, den Irrtum aufzulösen.

    Mehr noch, getrieben von voyeuristischer Neugier und einem wachsenden Verlangen, versucht William, immer tiefer in Annas Welt einzutauchen. Aus dem Missverständnis entwickelt sich eine intensive Beziehung mit knisternder verbaler Erotik.

    Der viel gepriesene Regisseur Patrice Leconte («Der Mann der Friseuse») inszenierte das kleine Stück, das fast ausschließlich in dem grauen Büro des Steuerberaters spielt, in bester Hitchcock-Manier als eine Mischung aus Liebesgeschichte und einem raffinierten Katz- und-Maus-Spiel voller Unsicherheiten. Sandrine Bonnaire als Anna ist ein Mysterium. Ist sie ehrlich oder führt sie ein undurchsichtiges Spiel? Hat sie sich wirklich in der Tür geirrt oder wusste sie von Anfang an, dass William kein Seelenklempner ist? Gibt es Annas Mann, der angeblich wahnsinnig eifersüchtig ist, aber sie zugleich beim Sex mit anderen Männern beobachten will, wirklich, oder ist er nur eine Erfindung? Diese Fragen, die William keine Ruhe lassen, tauchen wie selbstverständlich auch im Kopf der Zuschauer auf.

    Mit Schuld daran ist die Kamera, die Leconte auf fast schon unheimliche Weise zum Komplizen macht. Der Zuschauer bekommt die Geschichte mal aus der Perspektive Annas und mal mit den Augen von William zu sehen und dann wieder als unsichtbarer Betrachter. Die Kamera bewegt sich wie in einem Versteckspiel im Raum, wirft verstohlene Blicke auf Anna und zittert leicht vor Erregung, wenn sie ihre intimen Gefühle preisgibt. Leconte macht den Zuschauer zum Voyeur, der sich plötzlich bei Schuldgefühlen ertappt.

    Mit typisch französischer Leichtigkeit auf die Schippe genommen wird dabei auch der Berufsstand der Psychoanalytiker. Williams Nachbar Dr. Monnier, der Siegmund Freud ähnlich sieht und nonchalant mit banalen Allerweltsweisheiten um sich wirft, berechnet ihm gleich eine Konsultation, als dieser nur Annas Telefonnummer erfragen will - natürlich ohne ihm die Nummer zu nennen. Im Laufe der Geschichte erweist sich William mit seiner einfachen menschlichen Art auch als der bessere Therapeut.

    Der alternde Steuerberater, der die Praxis seines Vaters geerbt hat, kaum die alte elterliche Wohnung verlässt und verdauen muss, dass ihn seine Langzeitfreundin ausgerechnet für einen unerträglich agilen Fitness-Trainer sitzen ließ, ist eine Paraderolle für den Komödianten Fabrice Luchini, der seit gut 30 Jahren eher in der zweiten Reihe zu sehen war. Er verleiht William eine Wärme und Verletzlichkeit, die unweigerlich die Sympathie der Zuschauer wecken.

    dpa

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