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  • Kritik: Eiskalt ist die Hölle

    Ein fürchterlicher Schneesturm fegt übers Land. Ein Auto, das einen anderen Wagen im Schlepptau hat, bahnt sich seinen Weg durch den schier undurchdringlichen Vorhang aus Nebel, Schnee und beginnender Nacht. Schon die ersten Bilder des neuen Films von Joel und Ethan Coen vermitteln ein Gefühl von Langsamkeit und Schwermut, eine Ahnung von Melancholie und Schicksal. Was einmal in Gang gesetzt ist, läßt sich in der unendlichen Winterlandschaft von Minnesota nur schwer stoppen.

    Langsam, aber unerbittlich wirken hier, im nördlichen Teil des Mittleren Westens, die Kräfte. Und so können die meisten Charaktere von Fargo nicht die Konsequenzen ihres Tuns abschätzen. Ganz besonders nicht Jerry Lundegaard, der Autoverkäufer aus Minneapolis. Großartig gespielt von William H. Macy ist er der salesman als verzweifelter Clown. Sein Lächeln ist erstarrt wie das des 'Keep Smiling'-Strichmännchens, sein ganzes Leben scheint nur noch Fassade. Kalt und steril wirken sein Heim und seine Familie: die Frau schwankt zwischen Pedanterie und Hysterie, der einzige Sohn ist vollkommen verschüchtert.

    Im Grunde hat Jerry nämlich gar nichts zu melden, weder in der Familie noch im Geschäft. Hier wie da führt sein Schwiegervater das Zepter, ein knorriger, rücksichtsloser Patriarch, der sich zuletzt auch selbst überschätzt. Jerry scheint der ewige Versager zu sein. Darum will er auch einmal so fies sein wie die andern, er kennt die Tricks ja aus der Branche. Doch seine Verkäuferschläue reicht nicht weit. Der Plan, die eigene Frau von zwei Ganoven entführen zu lassen, um an das Geld seines Schwiegervaters zu kommen, kann nur schiefgehen.

    Die zwei Gauner, die er in dem Grenzkaff Fargo engagiert, sind ein komisches Pärchen: Pat und Patachon als Killer- Duo. Der eine, Carl Showalter (Steve Buscemi), ist der Wieseltyp, der ununterbrochen quatschen muß, obwohl er immer wieder behauptet, er habe keine Lust zu debattieren. Der andere heißt Gaer Grimsrud (Peter Stormare), und er entspricht ganz und gar dem grimmigen Klang seines Namens. Er ist ein tumber, schweigsamer Koloß, der die Wildheit des Landes in sich vereint. Das Heim der beiden ist ihr Auto sowie schäbige Kneipen und neonbeleuchtete Motels: zwei Drifter auf dem Highway des Grauens.

    Auf seltsame Weise heimelig wirkt dagegen das Zuhause von Marge Gunderson, der Polizeichefin von Brainerd, einer Kleinstadt im Herzen von Minnesota, wo Lundegaards Ganoven einige Leichen hinter sich lassen. Die sympathische, hochschwangere Marge, eine Art weiblicher Columbo mit magischer Natürlichkeit, scheint ihre ganze Kraft aus der Beziehung mit ihrem dicklichen Ehemann Norm zu holen, einem Kunstmaler, der vor allem Wildgänse pinselt.

    Witzig und liebevoll zugleich schildern die Coens die Alltagsrituale des skurrilen Paares: wie sie beide aufstehen im Morgengrauen, wie Norm dicke Lunchpakete auf die Polizeistation bringt, wie sie am frühen Abend zusammen vor dem Fernseher einpennen. Marge, gespielt von Frances McDormand, ist das moralische Zentrum des Films, eine Figur voller Wärme in einer kalten Welt. Dazu ist sie eine wahre Detektivin, naiv und scharfsinnig zugleich. Sie geht von Details und Nuancen aus und nähert sich so den Zusammenhängen: ihre einzige Chance in der endlosen Weite. Zweifellos, diese Marge gehört zu den schönsten Kinofiguren der letzten Jahre.

    Fargo ist zu allererst ein bizarres Stück über Amerika, ein fremdartiger Heimatfilm der Coens, die selbst aus Minnesota stammen. Ihr Heimatland erscheint als exotischer Ort, wo die Leute - Nachfahren skandinavischer Einwanderer - schrullig aussehen und seltsam reden. Die weiße, verwehte Tundra erinnert an Sibirien, wären da nicht die Autohändler und Schnellrestaurants. Die abstrakte Landschaft ihrer Kindheit wollten sie darstellen, sagen die Coens. Dabei heißt es noch im Vorspann, Fargo beruhe auf einer wahren Geschichte. Was widersprüchlich anmutet, geht natürlich zusammen: Die Geschichte ist echt, weil sie die Eigentümlichkeit, den Geist eines Landes und seiner Bewohner einfängt.

    Das macht auch die Phantasie authentisch: Dieses Land, das sich zwischen Schnee und Himmel verliert, gibt den Coens einen besonderen Raum, um aufzuzeigen, daß Gegensätze oftmals nur Endpunkte auf einer gemeinsamen Skala sind: Fargo oszilliert zwischen Idylle und Monstrosität, zwischen Komik und Horror, zwischen Heimeligkeit und Wildnis. Man lacht über den Schrecken, und dann bleibt einem das Lachen wieder im Halse stecken.

    Der Splatter-Rüpel Gaer etwa ähnelt im Laufe des Films immer mehr der Statue des Holzfällers Paul Bunyan, einer amerikanischen Rübezahl-Version, die uns am Ortseingang von Brainerd willkommen heißt. Der Killer stellt sich dar als überflüssige Abart des Pioniers, der einst dem Land die Unschuld raubte. Die Coens spielen auf allen Ebenen mit Assoziationen: das schwere, dampfende Essen, das Marge und Norm in sich hineinschlingen, erinnert bisweilen auch etwas an die Überreste eines Massakers.

    In ihrem epischen Erzählstil mit mancher Nebenhandlung beschreiben die Coens bei allem Witz und schwarzem Humor vor allem die Verzweiflung der Menschen. Darin gleichen sich die hoffnungslosen Parkwächter und überfreundlichen Bedienungen, die den Film bevölkern, der depressive ehemalige Schulfreund von Marge und der Verlierer Jerry Lundegaard. Darin ähneln sich sogar der Irrsinn des Gangsters Carl Showalter und die heimliche, lauernde Verzweiflung von Marges Ehemann Norm, der unzufrieden ist, weil eines seiner Wildenten-Bilder nur für die Drei-Cent- Briefmarke ausgewählt wurde, jene Marke, die niemand braucht. Doch Marge und Norm verwandeln immerhin die Verzweiflung in Lakonismus und Poesie.

    Fargo ist ein ungemein reicher Film, weil die Coens auf Kleinigkeiten und Variationen Wert legen, auf das Subtile im Spektakulären. Sie machen sich lustig über die Dummheit und Skurrilität ihrer Figuren, aber sie registrieren auch genau deren Leid und Schmerz, die Hoffnungen und Sehnsüchte. Eine schöne, seltsame Herzlichkeit durchzieht diese Erzählung. Deshalb ist der knallharte Thriller mit den komischen Elementen nicht nur ein herrlich schräges, wunderliches Werk geworden, sondern ganz einfach ein wunderbarer Film.

    HANS SCHIFFERLE FARGO, USA 1996. - Regie, Buch und Schnitt: Joel Coen. Produktion, Buch und Schnitt: Ethan Coen. Kamera: Roger Deakins. Musik: Carter Burwell. Darsteller: Frances McDormand, William H. Macy, Harve Presnell, Steve Buscemi, Peter Stormare. Verleih: Concorde-Castle Rock/ Turner. 97 Minuten.

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