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  • Kritik: Eine Kinohölle: Robert Rodriguez' Film "From Dusk till Dawn"

    Dies ist eine Warnung. Wenn Sie sich garantiert nie unter Ihrem Niveau amüsieren, nur über politisch korrekte Witze lachen, die Existenz des Leibhaftigen für eine fromme Lüge halten und fest davon überzeugt sind, daß alle Vampire aus Transsilvanien stammen, dann sollten Sie diesen Film meiden wie Dracula das Weihwasser.

    Wenn Sie aber dem Glauben an das Gute im Menschen gelegentlich abhold sind, wenn Sie beispielsweise

    die Verwandlung in ein schleimiges Monster zutrauen, dann sind Sie hier richtig. Was Sie schon immer über Männerphantasien wissen wollten, können Sie nun im Crashkurs erfahren. Aber ich greife vor.

    Die Geschichte beginnt in Texas, also vergleichsweise harmlos. Ein Texas-Ranger betritt einen gottverlassenen Spirituosenladen und palavert mit dem Verkäufer über Klimaanlagen, Mikrowellenfraß und ähnliche Errungenschaften der amerikanischen Kultur. Als er pinkeln geht, treten hinter den Regalen die Gebrüder Gecko (George Clooney und

    ) hervor, das gefährlichste Gangsterpaar aller Zeiten samt entsicherten Knarren und angstschlotternden Geiseln. Der belanglose Small talk des Verkäufers entpuppt sich als oscarverdächtiges Schauspiel, dessen weiterer Verlauf das Ableben der Texaner samt flammendem Inferno jedoch nicht verhindern kann.

    " bis zur letzten Sekunde. Jedem Moment, in dem sich der Zuschauer vor Blutbädern, Zerstörungsorgien und anderen Obszönitäten sicher wähnt, folgt eine Kehrtwendung um 180 Grad, daß die Reifen nur so quietschen und die Kinogenres - Thriller, Roadmovie, Familienmelodram, Horrorstreifen, Vampirfilm - aus dem Schleudersitz katapultiert werden.

    Zum Beispiel Harvey Keitel. Er gibt, mit Kassenbrille, Vollbart und Wohnmobil, einen Expriester namens Jacob Fuller, der seit dem Unfalltod seiner Frau vom Glauben abgefallen ist. Oder

    . Ausgerechnet sie, die seit Scorseses "Cape Fear" mit der Gewalt flirtet wie keine ihrer Kolleginnen, verkörpert Keitels naiv-ängstliche Pastorentocher - die Unschuld in Person. Oder Tarantino: Als sexbesessener Psychopath entspricht er zwar seinem Image als Enfant terrible, aber zwischen den Metzeleien - kleine Verbeugung vor der US-Gesundheitsbehörde - zieht er brav seine Zahnspange an. Sage noch einer, das Kino verderbe die Jugend. Zwar pflastern Leichen ihren Weg, dennoch entspricht die gegenseitige Fürsorge der Mordsbrüder ganz dem amerikanischen Familiensinn. Auch das Fernsehen läßt sich nicht lumpen und blendet die neueste Toten-Bilanz ein, als sei's die Gewinnzahl beim Lotto.

    Rodriguez und Autor Quentin "Pulp Fiction" Tarantino werden ihrem Ruf als Hollywoods talentierteste Bösewichter gerecht und tun, was sie sollen, nämlich Verbotenes im Rahmen des Erlaubten. Aber dann überqueren die Geckos mit Papa Fuller samt Tochter und Sohn als Geiseln die mexikanische Grenze, und fortan leisten sich Rodriguez und Tarantino all das, was im Kino nicht mal die bad guys mehr dürfen. Sie spicken die Dialoge mit sämtlichen zensurverdächtigen Four-letter-words (unbedingt die Originalfassung anschauen!). Sie demolieren ein gutes Dutzend amerikanischer Heiligtümer: Vietnam, Jurassic Park, Baseball und das Kruzifix, um nur die wichtigsten zu nennen. Und sie wechseln, exakt zur Halbzeit, unwiderruflich das Genre: Der Gangsterfilm mutiert zum Horror-Splattermovie. Die Geckos und die Fullers landen im "Titty Twister", einer Truckerund Biker-Bar, die sich als aztekische Vampir-Hölle entpuppt. Ein Alptraum, dem nur entrinnt, wer genug Gruselfilme gesehen hat, um zu wissen, was gegen Blutsauger hilft.

    "Ich glaube nicht an Vampire, aber ich glaube, was ich sehe", sagt Harvey Keitel und weiht die Wasserpistole zum Zweck der Selbstverteidigung. Im klassischen Western ist Mexiko das Ziel schlechthin, das gelobte Land ohne Sheriffs und Cops, ein Paradies voller Freiheit, hochprozentigem Schnaps und schöner Senoritas. Diesmal ist Mexiko der Ort, auf den Hollywood keinen Zugriff mehr hat: ein Utopia für Video-Junkies, die ihre Bilderbeute durchgebracht haben.

    In Texas, zur Dämmerung, benutzt Tarantino das bluttriefende Loch in seiner durchschossenen Hand noch als Kameraauge. In Mexiko dringen mit dem Morgengrauen die Sonnenstrahlen durch die Einschußlöcher, und alle Zombies krepieren im Labyrinth dieses Lichtspiels. So rettet das Kino, from dusk till dawn, uns vor sich selbst.

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