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  • Kritik: Eine einsame Frau in New York und anderswo

    Sue hat schöne Brüste. Das ist in der großen Stadt New York wie auch anderswo ein Kapital für erotische Abenteuer. Aber in Manhattan noch mehr als anderswo ist das wirkliche Kapital im Leben natürlich das Geld. Davon hat Sue ganz gewiß zu wenig, denn sie ist arbeitslos und mit der Miete in Verzug. Die attraktive Frau Ende 30 ist in die Metropole gekommen, um dort ihr Glück zu suchen.

    Doch was sie findet, ist harter Daseinskampf, folgenloser Sex und die drohende Aussicht, ganz schnell ins Nichts abzurutschen. Sue, das ist eine einsame Frau unserer Tage. Sie ist attraktiv, auf der Suche nach Liebe und doch schon verloren.

    Davon erzählt der amerikanische Film "Sue", inszeniert vom israelischen Filmemacher Amos Kolleck. Der Sohn des legendären Jerusalemer Exbürgermeisters Teddy Kolleck hat mit dieser bewegenden Studie einer scheiternden Frau in New York ein Kinowerk geschaffen, das nachwirkt und dessen Hauptdarstellerin Anna Thomson nicht nur deshalb noch lange in Erinnerung bleibt, weil sie eben schöne Brüste hat. Die zeigt sie übrigens bereits in der höchst originellen Anfangsszene: Da sitzt Sue auf einer Parkbank Manhattans, ein älterer Schwarzer gesellt sich hinzu. Er fragt sie, übrigens ganz unlüstern, ob sie für ihn mal den Pullover hochziehen könne. Sue lehnt ab - und tut es dann doch.

    Sicher hat Kolleck in dieser Szene, die er in der Realität beobachtet hat und ihn zu dem Film inspirierte, einen äußerlichen Vorzug von Anna Thomson ausgespielt. Aber nicht um Voyeure im Parkett billig zu bedienen, sondern um auf verblüffende Weise die bedrohliche Situation von Sue zu charakterisieren: Diese Frau hat nichts mehr als ihren Körper, dieses sehr vergängliche Gut. Verzweifelt sucht sie in den Wolkenkratzerschluchten nach Nähe. Dabei trifft sie die Prostituierte und Diebin Lola, die ihre Mitbewohnerin wird. Erst die Begegnung mit dem sympathischen Journalisten Ben gibt ihr Hoffnung auf Liebe, Vertrauen und Zukunft. Doch es wird eine bittere Liebesgeschichte.

    "Wer sie in großen Rollen sehen möchte, muß in ihre kleinen Filme gehen", schreibt die Verleihfirma über die Hauptdarstellerin Anna Thomson. Das ist so richtig wie bezeichnend für das berufliche Schicksal der schönen und verletzlichen Frau, die der stille Star der letzten Berlinale war und ganz unerkannt über den Kurfüstendamm gebummelt ist. Auf dem Festival wurde Kollecks "Sue" in einer Nebenreihe außerhalb des Wettbewerbs gezeigt, galt aber vielen als eines der künstlerisch und menschlich bewegendsten Ereignisse auf der Leinwand.

    Bislang war Thomson nur in Nebenrollen in großen Produktionen zu sehen, zum Beispiel als traurige Hure in Clint Eastwoods Oscar-gekröntem Western "Erbarmungslos". Aber was sie wirklich vermag, konnte sie dort nur ansatzweise, in "Sue" aber vollkommen zeigen: die wunderbare wie beängstigende Verschmelzung einer Schauspielerin mit ihrer Rolle. Das macht diesen kleinen, billigen Film zu einem Kinoerlebnis, das noch nach Monaten nachklingt und dessen Bilder sich einbrennen ins bilderumflutete Gedächtnis.

    Wolfgang Hübner, AP

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