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  • Kritik: Eine Berliner Versuchsanordnung in drei Variationen

    Frankfurt/Main - Dreimal rennt Lola los. Immer mit dem gleichen Ziel: Ihrem Freund Manni aus einer fürchterlichen Klemme zu helfen. Dreimal verläßt die hennarote Berlinerin mit dem tätowierten Nabel die Wohnung in der Ungewißheit: Wie kann sie in 20 Minuten die 100.000 Mark auftreiben, die Manni verloren hat, doch unbedingt an seine kriminellen Auftraggeber abliefern muß?

    Dreimal läuft ein Film im Film ab, zweimal mit tragischem, einmal mit glücklichem Ausgang. Zweimal wird gestorben; einmal aber werden das Geld, das Leben und die Liebe gerettet.

    Am Ende bekommt dieses flippige Paar aus den Spätneunzigern eine neue Chance. Denn es ist Kino, der Film heißt "Lola rennt" und ab dem 20. August zu sehen. Jene Lola, die so konditionsstark über die Straßen eilt, wird von der 24jährigen Franka Potente verkörpert. Diese Schauspielerin ist weder besonders attraktiv noch ungewöhnlich, aber ein Typ dieser Zeit und deshalb die ideale Rollenbesetzung. Glaubhaft mit Großstadtpower und Samtblick spielt der dicklippige Moritz Bleibtreu den Unglücksraben Manni. Daß er nicht nur äußerlich an den jungen Jean-Paul Belmondo erinnert, ist Strategie. Daß Lolas schrilles Kreischen Gläser zu Bruch gehen läßt, ist allerdings dreist aus "Die Blechtrommel" von Günter Grass geklaut.

    Geschrieben und inszeniert worden ist dieser für deutsche Verhältnisse äußerst rasante, nur 81minütige Streifen von dem 33jährigen Tom Tykwer. Der gebürtige Wuppertaler beweist nach seinen vielversprechenden Talentproben "Die tödliche Maria" (1993) und "Winterschläfer" (1997) erneut mehr Mut hat als die anderen deutschen Filmemacher seiner Generation. Er ist auf der Suche nach eigener Handschrift, möchte neue Töne anschlagen und dafür auch etwas riskieren. Kurzum: Der vom Kino besessene Autodidakt Tykwer will endlich ein neues, aufregendes Kapitel im langweilig-biederen Betrieb der einheimischen Subventionsbranche aufschlagen.

    Kürzlich hat Tykwer geäußert: "Jetzt ist endlich der Zeitpunkt gekommen, zu dem die neue Generation von Filmemachern aus Deutschland ein Spektrum an Filmen präsentieren kann, die wieder eine universelle Filmsprache sprechen, international zugängliche, kontroverse, offene Geschichten erzählen." Was der Wahlberliner nicht sagt, aber wovon sein Film fast schon aufdringlich kündet, ist der Versuch, 40 Jahre nach Jean-Luc Godards "Außer Atem", mit Belmondo in der Hauptrolle des Kleingangsters Michel, eine Art Wiedergeburt dieses Schlüsselfilms der französischen "Neuen Welle" und des modernen Kinos zu schaffen. Tykwer will, wie einst der Filmrebell Godard, ein Signal setzen gegen Mief und die verbreitete Nullrisiko-Dramaturgie.

    Der Mut zu diesem Versuch ist nicht zu kritisieren, sondern zu preisen. Gewinnen kann nur, wer etwas wagt, und ohne eine Portion Größenwahn geht das wohl nicht. Zu kritisieren ist jedoch, daß das beabsichtigte cineastische Fanal gescheitert ist. Tykwer präsentiert zwar ein wahres Bombardement technischer, optischer wie auch szenischer Einfälle, dazu setzt er die intelligent arrangierte Musik gekonnt in Beziehung zu den Bildern. Und er macht nebenbei nur zu deutlich, wie hausbacken dagegen die Wortmanns und Vilsmaiers zu Werke gehen.

    Aber leider hat der Autor Tykwer nichts zu erzählen, was solch spektakulären Aufwand des Regisseurs Tykwer rechtfertigen würde. Denn zu sehen sind Varianten einer überkonstruierten Versuchsanordnung. Nicht zu sehen ist eine Geschichte mit und aus eigener Kraft, die wirklich unter die Haut geht, zumindest aber irritiert oder provoziert. Deshalb ergibt sich nicht jene Einheit von Form und Inhalt, die allein Tykwers hohen Anspruch einlösen könnte, sondern viel Form für wenig Inhalt.

    "Lola rennt" ist trotzdem ein Lichtblitz in der tristen Revue putziger Beziehungskomödien und fadem Kunstgewerbe hierzulande. Wo Godard indessen raffiniert und so erfrischend neu eine spannende Liebesgeschichte mit ironisch-tragischem Finale aus dem Paris des Jahres 1959 erzählte, liefert Tykwer nurmehr mal witzig, mal frech und immer atemlos nur verspielte, oft arg klischeehafte Bruchstücke einer Momentaufnahme unserer Jahre und eines Lebensgefühls. Vielleicht ist es der Fluch der Generation dieses Filmemachers, daß es aus der saturierten Kohl-Ära zu wenig zu erzählen gibt. Dem können auch Begabungen wie Tykwer nicht einfach entrinnen. Aber wahre Künstler können sich mit Geduld und bewegenden Geschichten davon befreien. Tom Tykwer könnte dazu reifen, doch sicher ist das nicht.

    Wolfgang Hübner, AP

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