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  • Kritik: Ein Ort für Verlierer

    Für einen Alkoholiker, der in Los Angeles lebt, bietet Las Vegas eine Attraktion, die weder mit Stripperinnen noch mit Roulette zu tun hat: In den Bars und Läden des Staates Nevada wird, anders als in Kalifornien, Schnaps aller Art rund um die Uhr verkauft. Für einen Mann wie Ben, der stets nicht nur eine, sondern lieber zwei Flaschen Wodka in Reichweite hat, ist dies ein Umzugsargument: Nie wieder auf dem trockenen! Nie wieder auf der Suche nach einem erlösenden Schluck durch die morgengraue Stadt Los Angeles irren!

    Ben ist, wenn er in der ersten Einstellung dieses Films auftaucht, ein großer, schon etwas schwerer Mann mit schütter werdendem Haar, doch er schiebt leichtfüßig einen Einkaufswagen an den Spritregalen eines Supermarkts vorbei und packt sich den Korb mit Flaschen voll: ganz Herr der Lage, ganz siegreich und sozusagen unsterblich, da in diesem Augenblick durch seinen Körper die optimale Mischung aus Blut und Alkohol kreist.

    Leider hält dieses Glück nie lang. Als Ben in einer Bank einen Scheck einlösen will, ist sein Zittern so katastrophal, daß er weggehen und sich in der nächsten Bar eine ruhige Hand ansaufen muß.

    Mit Beileidsmiene drückt Bens Chef dem einst tüchtigen Mitarbeiter die Entlassungspapiere in die Hand. Alte Geschäftsfreunde, die Ben in einem Lokal locker anquatscht, wenden sich weg, als wäre er aussätzig. Von einer Prostituierten in einer schmuddeligen Ecke läßt er sich, halb im Delirium, den Ehering vom Finger klauen. Sogar sein Lieblingsbarmann weist ihm nach einem letzten Glas "auf Kosten des Hauses" für immer die Tür. Wohin nun noch, wenn nicht nach Las Vegas?

    So ruck, zuck handelt der Los-Angeles-Prolog des Films "Leaving Las Vegas" ab, wie ein Mann Stufe um Stufe eine Treppe hinabstürzt, deren Ende noch längst nicht zu sehen ist. Und der Film wendet, das ist das Erstaunliche, nicht einen Blick zurück, er wendet nicht einen Moment an die Frage, wann, wie, warum dieser Absturz begonnen hat. Er zeigt, was zu sehen ist, und sonst nichts.

    Ben selbst kann nicht sagen, wann im Gang der Delirien sein Grund-Dissens mit der Welt sich zu dem unumstößlichen, aktiven Entschluß verfestigt hat, sich zu Tode zu saufen. "Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, daß ich es will." In Las Vegas, so denkt er, wird er in der Anonymität eines schäbigen Motels, wenn er für eine Weile vorausbezahlt, seine Auslöschung zu Ende bringen können, ohne daß ihn eine übereifrige Putzfrau aus der Agonie schreckt. Las Vegas ist die Stadt der Verlierer.

    "Leaving Las Vegas" zeigt, wie sich ein Mann im Lauf von ein paar Wochen konsequent und konzentriert zu Tode trinkt. Der Film äußert sich nicht zum Thema Alkoholismus als soziales Problem oder individuelle Krankheit; er fällt seinem Trinker nicht in den Arm, um ihn zurückzuhalten; und er verspricht keine Art Rettung.

    Er zeigt die Raserei und die Delirien, er zeigt das Schmatzen, das Gurgeln, das Zittern, das Würgen, das Sabbern, das Kotzen, und bei alledem läßt er den Mann auf dem Weg in den Tod eine Liebesgeschichte erleben, die das Grauen des Sterbenmüssens seltsam verklärt und verwandelt. Die Ungeheuerlichkeit dieser Liebe gibt dem Film seinen Sog, seinen Zauber, seine Erschütterungskraft.

    Die Figur des Ben: Das ist Nicolas Cage, und das könnte kein anderer. Seit seinem amokläuferischen Solo in David Lynchs "Wild at Heart" war Cage ein bißchen oft als freakiger Komödienmann zu Diensten, nun wirft er sich mit der ganzen Kraft seiner Kamikaze-Schauspielerei in die Ben-Figur und gibt ihr, bewegend, die Noblesse eines todessüchtigen Melancholikers.

    Die Figur des Ben: Das ist aber auch, und wohl mehr als er selbst wahrhaben mochte, ein Mann namens John O'Brien, geboren 1960, der sich die meiste Zeit seines erwachsenen Lebens als Bürobote oder Kellner in Los Angeles über die Runden gebracht hat. Nach seinem Tod im April 1994 sagte sein letzter Arbeitgeber: "Er hat sich erschossen, weil er es nicht schaffte, sich zu Tode zu trinken." O'Brien muß früh damit begonnen haben, aber Ende der achtziger Jahre war er eine Zeitlang trocken, und damals schrieb er den Roman "Leaving Las Vegas", der 1990 in einem Kleinverlag in Wichita (Kansas) erschien, ein paar gute Kritiken bekam, doch als Mißerfolg rasch verramscht wurde.

    Im März 1994 besuchte O'Briens Vater, ein Ingenieur aus Ohio, seinen Sohn, der mit einer lebensbedrohenden Alkoholvergiftung in Los Angeles in einer Klinik lag. In Johns Wohnung fand der Vater in einem Haufen ungeöffneter Post den Filmvertrag für "Leaving Las Vegas" und beredete den Sohn, zu unterschreiben. Ein paar Wochen später hat John O'Briens letzte Trinkgefährtin seine Asche, wie er es gewünscht hatte, im Death Valley verstreut. Seine Hinterlassenschaft sind zweieinhalb ungedruckte Romane, deren Veröffentlichung dem einsamen Unglücksmenschen vielleicht eines Tages die Glorie eines letzten Literatur-Desperados verschafft.

    Der britische Filmemacher Mike Figgis stand, als das Projekt "Leaving Las Vegas" an ihn geriet, selbst am Rand eines Absturzes: Er hatte in Hollywood seine Karten in einem Maß überreizt, das man dort kaum verzeiht. Figgis, Jahrgang 1948, hatte sich 1989 nach dem Erfolg seines ersten britischen Kinofilms "Stormy Monday" guter Dinge nach Hollywood aufgemacht. Sein zweiter US-Film jedoch, der Psychothriller "Liebestraum", tauchte so furios in eine Welt erotischer Obsessionen ein, daß die Produzenten erschrocken Zensur übten. Dem nächsten Figgis-Werk "Mr. Jones " (1993) zwangen sie so gewaltsam Verschönerungen sowie ein Happy-End auf, das der Regisseur als "Hinrichtung" empfand. Nie wieder Hollywood! schwor Figgis sich damals, und so kam ihm Las Vegas eben recht.

    "Leaving Las Vegas" wurde von der französischen Firma Lumière mit einem Mini-Budget von 3,6 Millionen Dollar produziert: Rasch, mit kleinem Team, auf 16-mm-Filmmaterial, und Figgis hat diesen Beschränkungen eine unpolierte Direktheit abgewonnen, eine zupackende Schärfe, ganz ohne Interesse am kalten Flitter der Stadt, ganz nah am Atem und Puls der Figuren.

    Als Drehbuchautor hat Figgis das Romanmaterial O'Brians so geschickt umgekrempelt, daß die Geschichte einen großen melodramatischen Bogen gewinnt. Die Gefährtin, die Ben seine letzten Wochen leichter macht, wird zu einer gleichwertigen Hauptfigur, und Elisabeth Shue, der man bisher in Hollywood nur nichtssagende nette Mädchen zu spielen gab, findet für diese Figur eine sehr eigene, überraschende Balance zwischen Kühle und Verletzlichkeit, Tatkraft und Leidensverlangen.

    Sie ist die schöne Nutte Sera, die sich schon bei der professionellen ersten Begegnung in Ben verliebt, weil er ihr so unerlösbar unglücklich erscheint, und sie ist die barmherzige Samariterin, die ihn schon am nächsten Tag bittet, aus dem tristen Motel in ihre Wohnung zu ziehen, in der nie zuvor ein Kunde etwas zu suchen hatte.

    So sieht eine große Liebe aus. So kommt in Seras leeres Leben ein Mann, um den sie bangen, sich sorgen und kümmern kann, und in Bens elendes Sterben kommt der Glamour einer letzten Euphorie.

    Wie ein warmer Unterstrom des Gefühls begleitet diesen zärtlichen, heftigen, schmerzenden Film ein Piano-Jazz, für den Mike Figgis als Komponist, Trompeter und Keyboarder zuständig ist: Diese Musik betont, daß man hier eine Geschichte voll Nostalgie erzählt, daß man noch einmal das Lied des Verlierers singt, den einsamen Untergang feiert, die Romantik der Selbstzerstörung.

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    Bettina Tollkamp

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