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  • Kritik: Ein großer kleiner Scheidungsfilm

    Zunächst der einfache Teil: «Der Tintenfisch und der Wal» ist kein Tierfilm. Ab hier wird es aber auch schon deutlich komplizierter, ihn eindeutig zu beschreiben. Man könnte sagen, es ist ein Scheidungsfilm. Aber auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden, den Glanz und noch mehr die Schwächen von Intellektuellen, über die 80er Jahre und New York - komisch und tragisch zugleich.

    Da ist also eine New Yorker Intellektuellen-Familie im Jahr 1986, die nach 17 Jahren zerfällt. Der Vater (Jeff Daniels mit einem gewaltigen grauen Bart) war mal ein bekannter Schriftsteller, bekommt jedoch seit Jahren keinen Roman veröffentlicht und muss sich mit Literaturunterricht durchschlagen. Die Mutter (Laura Linney) stürzt sich in Affären und das Schreiben - und kriegt tatsächlich ein Buch zustande, das von einem großen Verlag angenommen wird.

    Im Mittelpunkt der Geschichte stehen aber die beiden Söhne, 12 und 16 Jahre alt, die mit der neuen Situation fertig werden müssen. Walt, der ältere, der sich auf die Seite seines Vaters stellt, gibt einen Pink-Floyd-Song für seinen eigenen aus und sammelt erste Erfahrungen mit Frauen. Frank, der jüngere, stürzt sich in Masturbation und Experimente mit Alkohol.

    Einer der angesagten jungen Leute in Hollywood, Noah Baumbach, der das viel gelobte Drehbuch schrieb und auch Regie führte, ging mit dem Film ein persönliches Trauma an - er selbst wuchs als Scheidungskind in Brooklyn auf. Vieles in der Geschichte von «Der Tintenfisch und der Wal» sei aber erfunden, betonte er. «Was echt ist, ist die Stimmung.» Für noch mehr Authentizität ließ er Jeff Daniels sogar die Sachen seines Vaters tragen, ebenfalls ein Schriftsteller.

    Zu einem großen Teil wurde der Film mit kleinen Super-16-Kameras gedreht. Mit den grobkörnigen, leicht verwackelten Bildern hat man das Gefühl, Amateuraufnahmen von echten Familienszenen zu beobachten. Er wollte grundsätzlich auf Technologie verzichten, die es damals noch nicht gab, sagt Baumbach, der zuletzt unter anderem das Drehbuch zum Bill-Murray-Film «Die Tiefseetaucher» mitverfasste.

    Jeff Daniels, der sich über Jahre hauptsächlich mit komischen oder banalen Rollen zufrieden geben musste, bescheinigten viele US- Kritiker den besten Auftritt seiner Karriere. Sein Bernard Berkman ist entwaffnend sympathisch und abstoßend zugleich, ein rücksichtsloser Egomane, ein Künstler, der sein Potenzial nie realisierte, und zugleich ein Blender, der sich mit profanen Weisheiten durchschlägt. Mit all diesen Facetten gelang es Daniels, den Familienpatriarchen zu einem lebendigen Menschen zu machen. Dazu taucht der Film die Zuschauer in die Atmosphäre dieser aus heutiger Sicht noch überschaubaren, irgendwie naiv heilen Welt der 80er ein.

    «Manche sehen den Film als Komödie, andere als Drama», sagt Baumbach. Er drehte den Streifen nur in gut drei Wochen. Um das knappe Geld zu sparen, wurden viele Jobs in der Produktion mit Praktikanten besetzt. Der Lohn der harten Arbeit waren zahlreiche Auszeichnungen und noch mehr Nominierungen, unter anderem für die prestigeträchtigen Golden Globes und sogar für einen Oscar für das Drehbuch.

    Während selbst Liebeskomödien heutzutage zu einer Laufzeit von zwei Stunden neigen, dauert «Der Tintenfisch und der Wal» gerade einmal 75 Minuten. Er kommt aber viel länger vor. Grund ist der dichte Schnitt, der von Episode zu Episode springt, so dass der Zuschauer sich immer wieder in einer neuen Situation zurechtfinden muss. Näher zum Ende wird auch der Titel des Films verständlich - und dies hat dann doch etwas mit Tieren zu tun.

    dpa

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