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  • Kritik: Ein Film wie ein VermeerGemälde

    Ein Film, dessen Handlungshöhepunkt das Durchstechen eines Ohrläppchens ist, darf wohl als mutig bezeichnet werden. Es prickelt zwischen dem Maler Vermeer und seiner Dienstmagd Griet, aber die ungeschriebenen Gesetze ihrer Zeit lassen es nicht zu, dass der verheiratete Künstler und das junge Mädchen aus den niederen Ständen ihren Gefühlen nachgeben.

    Es kommt noch nicht einmal zu einem Kuss. Doch in diesem Film ist das Abnehmen einer Haarhaube aufregender als es jede freizügige Bettszene sein könnte.

    «Das Mädchen mit dem Perlenohrring», der Name eines der bekanntesten Werke von Johannes Vermeer (1632-1675), inspirierte Tracy Chevalier zu einem Roman mit gleichnamigem Titel. Der Bestseller wurde jetzt in einer britisch-luxemburgischen Produktion mit Colin Firth und «Lost-In-Translation»-Star Scarlett Johansson verfilmt.

    Tracy Chevalier ersetzte in ihrem Roman den Mangel an historischen Fakten über den holländischen Maler und sein Modell durch eine erfundene Geschichte, die aber durchaus im Rahmen des Möglichen bleibt. Die Autorin erfand Griet, die aus einer verarmten protestantischen Familie in den Dienst des katholischen Malers Vermeer tritt. Der entwickelt eine nie ausgelebte Leidenschaft zu ihr und verewigt sie schließlich im Auftrag eines Mäzens in dem titelgebenden Bild.

    Peter Webbers Leinwandadaptation hält sich eng an die Romanvorlage. Sein wunderschön fotografierter Film ist wie ein animiertes Vermeer-Gemälde: Die Farben, Licht und Schatten, die Kostüme, die Kulissen und sogar die Gesichter der Schauspieler sehen aus wie Versatzstücke aus der Welt des Malers, so wie sie aus seinen noch nicht einmal vierzig Bildern überliefert sind. Blasses Vermeer- Gelb und dunkles Vermeer-Blau tauchen an vielen Stellen auf. Die Figuren werden - oft allein - bei alltäglichen Beschäftigungen gezeigt, wie sie Vermeer häufig malte. Das Licht in den Innenräumen ist diffus und fahl.

    Kameramann Eduardo Serra gab an, so viel wie möglich mit natürlichem Licht gearbeitet zu haben, im Sinne des Malers, aber auch in der Tradition von Stanley Kubricks Barock-Epos «Barry Lyndon»(1975), das ganz ohne Kunstlicht auszukommen versuchte. Serra hat einen besonderen Zugang zu Vermeer: «Das einzige, was ihn wirklich interessierte, war Licht. Er ist der Maler des Lichts.»

    Immer wieder malte Vermeer einen bestimmten Raum, den er mit Requisiten füllte, wie sie ihm gerade passend erschienen. Diesen Raum bildet der Film nach und macht ihn zum Hauptschauplatz des Geschehens: Es ist das Atelier des Malers. Hier ereignen sich die Begegnungen zwischen Vermeer und Griet mit kurzen Dialogen, die nur die Malerei zum Gegenstand haben. Der wortkarge Film handelt im Grunde vom Sehen. Über das Verhältnis der Hauptfiguren zueinander erfährt der Zuschauer fast nur etwas aus der Art ihrer Blicke.

    Der Maler betrachtet das Mädchen und sieht in ihm die klassische Muse: ein künftiges Modell und ein unerreichbares Objekt seiner Leidenschaft. Die Blicke des Mädchens sind weniger eindeutig. Die erst 19-jährige Scarlett Johansson, die schon in «Lost in Translation» der Affäre mit einem älteren Mann widerstand, lässt offen, wie viel ihre Figur für den Maler empfindet. Wie beiläufig akzentuiert der Film die Standesunterschiede zwischen den Figuren, die Unterschiede zwischen dem harten Arbeitsleben des Dienstpersonals und dem komfortablen, wenn auch keineswegs sorgenfreien Dasein der Bürger. Ein faszinierendes Zeit-Gemälde.

    dpa

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