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  • Kritik: Ein deutscher Schwede in Havanna

    Die kubanische Redewendung "Hacerse el sueco" heißt übersetzt "den Schweden spielen" und meint: das Unschuldslamm mimen. So lautet der Originaltitel der Kriminalkomödie "Der Cuba Coup" und deutet gleich an, dass man es mit mindestens einem Scheinheiligen zu tun hat. Der Schwede ist hier ein Literaturprofessor, der in Havanna einfliegt.

    Am Flughafen wird er von Concha und ihrer Tochter Alicia abgefangen, die ihm eine Unterkunft in ihrer Wohnung offerieren. Das ist zwar genau genommen irgendwie illegal, doch von der Pension von Conchas Mann, eines ehemaligen Polizisten, kann die Familie nicht leben. Björn nimmt also Quartier im Centro Habana, mitten im prallen Leben.

    Mit Humor und Selbstironie

    Vater Amancio, dem linientreuen Veteran, der strikt gegen touristische Geschäftemacherei ist, erzählen die Frauen, dass Björn ein Gast der Universität sei, den man umsonst aufgenommen habe. Und Amancio, darauf bedacht, dem Land keine Schande zu machen, verdonnert seine Nachbarn dazu, ihren üblichen Lärm im Hinterhof zu unterlassen. Was Björn gar nicht gefällt, der angeblich mit dem Mikrofon Feldstudien treiben will. Also befiehlt Amancio, dass doch wieder Krach gemacht wird, und dem Schweden zuliebe wird so ausgelassen gesungen, gestritten und musiziert, wie es das karibische Klischee will.

    Der Nordländer assimiliert sich zusehends, zumal Tochter Alicia selbst eine hübsche Literaturstudentin ist. Bis das Gerücht von einem ausländischen Straßenräuber die Runde macht, welcher die Geschäfte der lokalen Kleinkriminellen empfindlich stört.

    Sightseeing an den bröckelnden Fassaden

    Humorvoll und selbstironisch nimmt Regisseur Daniel Diaz Torres sein Land und die Mentalitäten der Habaneros auf die Schippe. Es ist erstaunlich, mit welcher Offenheit die Widersprüche im Land angetippt werden: Um den allgegenwärtigen Mangel zu lindern, schummeln sich die Habaneros zwischen offizieller Moral und klammheimlichem Dollarerwerb täglich an der Grenze zur Legalität entlang.

    Björn kennt zwar außer "Pippi Langstrumpf" keine schwedische Literatur, aber er hat ikeagelbe Haare und Dollars. Und so lässt auch Amancios revolutionäres Gewissen einiges Merkwürdige an dem Schweden durchgehen, zumal Björn, ohne zu murren, sich gemeinsam mit dem Fidel-Fan dessen revolutionäre Devotionalien anschaut. Ohne fest zugekniffene Augen geht es eben nicht, ist die allzumenschliche Moral der Geschicht'.

    Peter Lohmeyer: In Kuba bekannter als in der Heimat

    Die hintergründige Komödie gibt dabei einerseits einen amüsanten Einblick in das Leben der kleinen Leute, ist sich aber andererseits der Faszination von Ausländern für die kubanischen Verhältnisse bewusst. Und so gibt es auch eine Anspielung auf den "Buena Vista Social Club", wird ein wenig Sightseeing an den bröckelnden Fassaden Havannas betrieben. Das betörende Flair der Stadt ist stets präsent, sei es in den verschnörkelten Patios, den lebhaften Menschen, oder bei der Musik, die hier vom "La Orquesta Magica de La Habana" gespielt wird.

    Auch der falsche Schwede wird einen Narren an der Stadt fressen, ebenso wie der, der ihn mit schönen Understatement spielt, es schon längst getan hat: Der deutsche Schauspieler Peter Lohmeyer ist schon zum zweitenmal, nach "Kleines Tropicana", ebenfalls von Diaz gedreht, in einem kubanischen Film zu sehen. Lohmeyer ist passionierter Salsatänzer, schreibt gar Artikel über Kuba, und es heißt, dass ihn die Kubaner - die "Hacerse el Sueco" enthusiastisch begrüßten - inzwischen auf der Straße erkennen und als einen der ihren betrachten. Und es ist doch merkwürdig, dass deutsche Schauspieler, selbst mehrfach mit Preisen ausgezeichnete wie Lohmeyer, hier zu Lande keinen Ruhm erwerben können, aber in Kuba zu sich selbst finden.

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