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  • Kritik: Ebbe und Flut

    Sogar die Japaner geben auf und sperren ihre High-Tech-Factory in den Midlands der irischen Insel wieder zu. Was hat ein einheimischer Arbeiter da noch zu erhoffen? Mit dieser bösen Frage begann vor zehn Jahren Peter Ormrod seinen Film Eat the Peach. Sie könnte als Ausgangspunkt für ein trostloses soziales Drama dienen. Was folgt, ist indes eine Komödie des trotzig verwegenen Widerstands. Der arbeitslose Vinnie versucht sich als Unternehmer in der Unterhaltungsbranche. Mitten in der tristen Torfstich-Landschaft wird er als 'Todesfahrer' auftreten und baut für sich und sein Motorrad eine hölzerne Steilwandtrommel.

    Vinnies Idee ist verrückt, aber eben auch nicht blöder als irgendein anderes Unternehmen in diesem Niemandsland. Und die Aussichtslosigkeit seines Standorts teilt der junge Mann mit den meisten irischen Filmemachern. Seine Geschichte ist eine einzige große Metapher für die Situation des irischen Kinos, das aller ökonomischen Vernunft zum Trotz von einigen verwegenen Autoren und Regisseuren am Leben gehalten wird.

    Zehn Jahre nach Vinnie ziehen Larry und Bimbo in Fish Chips ein ähnlich kühnes Unternehmen durch. Die zwei arbeitslosen Familienväter richten die furchterregende Rostlaube eines Imbißwagens wieder her und betreiben damit eine ambulante Frittenbude. Wenn sie gegen die verjährten Fettschichten in ihrem Gefährt kämpfen und es mit einem neuen Motor aus der Abhängigkeit vom Abschleppseil befreien, sind das auch symbolische Handlungen, mit denen sich die beiden frischgebackenen Unternehmer selbst wieder in Gang bringen.

    In den irischen Komödien, die niemals nur lustig ist, herrscht eine wohltuende Abneigung gegen Endlösungen. Das Glück ist entweder nicht von Dauer oder langweilig. Vinnie hatte seine Steilwandtrommel in Brand gesetzt; Larry fährt das Frittenmobil in die beträchtliche irische See. Aber wenn der Tag anbricht über der Dublin Bay, steht das Fahrzeug wieder auf dem Trockenen. Jeder Flut folgt eine Ebbe.

    Mit Fish Chips, der nächste Woche bei uns startet, wurde nun auch der letzte Roman von Roddy Doyles 'Barrytown- Trilogie' verfilmt. Kein irischer Regisseur war daran beteiligt. Der Amerikaner Alan Parker inszenierte The Commitments, der Engländer Stephen Frears drehte The Snapper und Fish Chips. Seit John Fords The Informer und The Quiet Man oder David Leans Ryan's Tochter wurden Filme, die außerhalb der 'Grünen Insel' als höchst irisch gelten, auffallend oft von ausländischen Regisseuren realisiert. Zuletzt war es der Amerikaner John Sayles, der mit The Secret of Roan Inish (Das Geheimnis des Seehundbabys) einen populären irischen Mythos aufgriff. Umgekehrt mußten irische Landschaften häufig für fremde Szenerie herhalten .

    Um der Arbeitsplätze willen versucht die Regierung in Dublin seit Jahrzehnten, günstige Bedingungen für ausländische Produktionen zu schaffen. Robert Altmans Images, Alain Tanners Lightyears Away oder jüngst Moondance - Dagmar Hirz' Adaption des Romans The White Hare von Francis Stuart - entstanden als Gastarbeiten.

    Filme, die auch von den Kritikern in Dublin als 'indigenous', als wirklich einheimisch, anerkannt werden, finden trotz aller europäischen Bemühungen um eine wirksame Vertriebsförderung nur in Ausnahmefällen den Weg in die Kinos auf dem Kontinent - und sind längst nicht so komisch und verrückt. Joe Comerferds High Boot Benny, die Geschichte eines chancenlosen Jugendlichen im äußersten Norden der Republik, oder Cathal Blacks Corea, die Adaption einer bitteren, fast wortkarg strengen Kurzgeschichte von John McGahern, haben nichts mehr gemein mit den Stereotypen vom aufmüpfigen 'crazy Irishman'.

    Beim irischen Fernsehen, dessen Verantwortlichen, so scheint es, das Tourist Board nähersteht als die Filmkunst, finden Regisseure wie Black, Comerford oder Bob Quinn keine ausreichende Unterstützung und sind regelmäßig angewiesen auf ausländische Anstalten. So kommt es, daß wir ihre Arbeiten hierzulande vor allem im ZDF oder bei Arte sehen können.

    Nach dem Erfolg von Mein linker Fuß hätte der irische Regisseur Jim Sheridan mit Angeboten überschüttet werden müssen. Ein Jahr später, mit der Adaption von John B. Keanes Bühnenstück The Field (1990), schien Sheridan den Sprung geschafft zu haben. Dann mußte er drei Jahre warten, bis er Im Namen des Vaters - über den Fall der 'Guilford Four' - realisieren konnte. Inzwischen sind weitere drei Jahre vergangen, von Sheridan hat man nichts mehr gesehen. Thaddeus O'Sullivan mußte sich nach dem Achtungserfolg von December Bride fast ein Jahrzehnt lang mit Werbesports über Wasser halten, bis er seinen nächsten Kinofilm, Nothing Personal, eine bittere Geschichte über den nordirischen Bombenterror, inszenieren konnte. Von den Möglichkeiten deutscher Filmemacher dürften O'Sullivan und seine Kollegen nicht einmal träumen.

    Nur ein einziger von ihnen hat es geschafft, kontinuierlich arbeiten zu können: Neil Jordan, dem die Karriere auf dem Umweg über England und die USA gelang. Und doch hat ihn erst der Erfolg seines Hollywoodfilms Interview mit einem Vampir in die Lage versetzt, sein aufwendiges irisches Helden-Epos Michael Collins zu inszenieren, das vor wenigen Wochen in Venedig mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Jordan scheint keine andere Wahl zu bleiben, als zwischen der Alten und der Neuen Welt zu pendeln; selbst seine vermeintlich rein irischen Filme The Miracle und The Crying Game mußte er mit englischem Geld finanzieren.

    Dennoch gibt es, das zeigen Jordans Filme ebenso wie die der Engländer Frears, Chelsom (Hear My Song), Newell (Into the West) oder des Schotten Gillies MacKinnon (The Playboys), eine von Geldgebern und Regisseuren unabhängige Identität. Der irische Film lebt als Kino der Autoren - freilich ganz anders, als es einst die Cineasten der nouvelle vague postulierten. Der Armut im Bereich der Produktion steht ein unerschöpflicher Reichtum an Erzählern gegenüber, deren Geschichten sich immer wieder als stark genug erweisen, um ihre Identität behaupten zu können, egal, ob es dabei um die Romane Roddy Doyles geht, um einen Bestseller von Maeve Binchy (Circle of Friends) oder um eine Idee des Schauspielers Adrian Dunbar (Hear My Song). Einer Ausprägung individueller 'Handschriften' von Regisseuren mag das abträglich sein - einem hinreißenden Erzählkino schadet es keineswegs.

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