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  • Kritik: Doris Dörries Menschenreigen

    Die Herumstreunerin Linda spielt in der Hitze Spaniens mit der Gier und Naivität der Männer. Auch Klaus, der sich vergeblich um seine Ehemalige Franziska bemüht, wird dazugehören. Diese Franziska verkauft im fernen München der schönen Rita einen Kaschmirpullover, vorm Bezahlen muß Rita dem Sexbedürfnis ihres dicklichen Ehemanns nachgeben. Elke, die um den frühverblichenen Geliebten trauert, schlüpft melancholisch in Franziskas Brautkleid. Der nette Bodo verbringt eine Nacht mit Linda nur deshalb, weil er es überhaupt nicht darauf anlegt. Und die gutmütige Frohnatur Robert stachelt mit erotischen Urlaubserlebnissen die Eifersucht seiner Frau an, derweil deren Vater eine Studentin verführt - und so weiter...

    Es ist ein ganzer Reigen von Menschen und ihren Schicksalswegen zwischen Tragik und Lächerlichkeit, die in Doris Dörries neuem Werk "Bin ich schön?", ab 17. September in den Kinos, ins Bild wie zu Wort kommen. Deutschlands bekannteste Filmemacherin hat ihre literarische Kurzgeschichtensammlung, die 1994 unter demselben Titel veröffentlicht wurde, zu einem Film gestaltet, der in mehrfacher Hinsicht ein ehrgeiziges Unterfangen darstellt. Denn was im Buch getrennte Geschichten über Zeitgenossen waren, wird in den 116 Kinominuten zu einem Personenpuzzle zusammengefügt, in dem die vielen handelnden Personen ungeahnte Querbeziehungen offenbaren.

    Dörrie selbst sagt, sie "habe nie vorgehabt, diese Geschichten zu verfilmen." Aber es habe sie gereizt, "diese sehr komplizierte Struktur zu bewältigen und sehr viele verschiedene Geschichten zu verbinden". Die Idee dazu will sie schon lange gehabt haben, doch erst der Überraschungserfolg ihres großen amerikanischen Kollegen Robert Altman mit seinem ganz ähnlich strukturierten Film "Short Cuts" habe es ermöglicht, dafür auch Unterstützung zu finden. Es war ein lobenswertes Wagnis, das die 43jährige Regisseurin und Autorin mit ihrer neuen Arbeit eingegangen ist. Das Resultat erzeugt indes trotz des Großaufgebots guter Darsteller zwiespältige Gefühle.

    Die vielen Geschichten, die Dörrie zu einer Kette knüpft, sind von zu verschiedener Qualität, um dem Film durchgängig hohes Niveau und Stilsicherheit zu verleihen. Da gibt es Perlen wie die knappe, aber so tiefgehende wie lakonische Studie einer gefährdeten Ehe, ganz wunderbar gespielt von Joachim Krol und Nina Petri. Und es berührt, wie sich Iris Berben, diesmal ohne jeden Glamour, als frustrierte Frau in einen Kaschmirpullover verliebt und sich vorm Spiegel die Frage des Filmtitels zu stellen scheint. Maria Schrader hat einen schönen Auftritt als Trauernde, Uwe Ochsenknecht ist mal nicht schmierig oder brünftig, sondern überzeugt als herzensguter Mann, der enttäuscht wird.

    Doch neben und unter die Perlen mischen sich grobe, auch unansehliche Klunkersteine: Gustav-Peter Wöhler muß als fetter, geiler Spießer viel zu dick auftragen; Berbens Filmgatte Oliver Nägele wird als triebhafter Ehehengst nur karikiert; Gottfried John quält sich als groschenromanhafter feiger Verführer über die Szene; der allzu damenhaften Senta Berger nimmt man die Trauer um die verlorenen wilden Jugendjahre so wenig ab wie Dietmar Schönherr den alten Spanier, der im deutschen Wald mit der Urne der verstorbenen Ehefrau nach deren Seele sucht. Dörrie ist zu intelligent, um je in Kitsch zu ersticken, aber nicht von der künstlerischen Potenz, um noch in der grellsten Episode glaubwürdig und erhellend zu bleiben.

    Wie ein Leitmotiv zieht sich die Beschäftigung mit der existenziellen Erfahrung des Todes durch die Handlung des insgesamt zu lang geratenen Streifens. Es wird offenbar und rührt an, daß Dörrie die eigene Trauer um ihren während der Dreharbeiten an einer Krebserkrankung gestorbenen Ehe- und Kameramann Helge Weindler zu verarbeiten sucht. Nach diesem Schicksalsschlag 1996 war die Arbeit an dem Film vorübergehend abgebrochen worden. Was Dörrie nun vorlegt, ist insofern auch ein sehr persönliches Zeugnis.

    Das ist es auch insofern, als es einiges über die diffuse, labile Befindlichkeit der gehobenen Mittelschicht in Westdeutschland verrät. Aus ihr stammt Dörrie, sie ist vielleicht ihre beste Chronistin. "Bin ich schön?" ist von ungleich größerer Qualität und Ernsthaftigkeit als Marc Rothemunds ähnlich strukturiertes Machwerk "Das merkwürdige Verhalten...". Negativ fällt in beiden Filmen aber das Verhältnis zur Sexualität auf: Bei Rothemund wird es dabei albern und zotig, bei Dörrie schnell zwanghaft und abstoßend. Französische Filmschöpfer setzen dem Geschlechtstrieb bezaubernde Denkmäler, hierzulande werden dessen Schattenseiten bebildert. Was läuft eigentlich schief bei uns?

    Wolfgang Hübner, AP

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