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  • Kritik: "Die Schutzengel"

    Von der ersten Szene an meint man sich in einen zweitklassigen Krimi aus den Siebzigern versetzt. Da hastet ein Mittvierziger schweißgebadet und im schneeweißen Anzug durch den belebten Hafen von Hongkong, er stolpert über aneinandergereihte Hausboote und hetzt durch enge Gassen. Dicht auf den Fersen folgt ihm eine Handvoll chinesischer Gangster mit finsteren Gesichtern und langen Messern.

    Tödlich verletzt, kann sich der Gejagte noch in eine Telefonzelle retten und seinen Kumpel Carco aus alten Gaunerzeiten im fernen Paris anrufen: Dieser solle sich um seinen kleinen Sohn Bao kümmern. Als Lohn winkten 40 Millionen Dollar Erziehungsgeld. Dann rutscht dem Mann vor Schmerzen der Hörer aus den Händen, und ein heranbrausender Lkw zerlegt Zelle und Anrufer in viele Einzelteile.

    Angesichts solch umwerfender Action-Dramaturgie würden wohl spätestens ab hier selbst ausdauernde Kinozuschauer gelangweilt den Saal verlassen. Doch dann betritt Frankreichs Superstar Gérard Depardieu als windiger Nachtclubbesitzer Carco die Showbühne und rettet nicht nur den Jungen und das viele Geld, sondern den ganzen Film vor dem totalen Verriß.

    Mit seiner ungeheuren physischen Präsenz und seinem hemdsärmeligen Charme gelingt es ihm, die irrwitzige Filmklamotte vor dem Abrutschen in den Abgrund finsterster Kinounterhaltung zu bewahren.

    Depardieu zur Seite steht dabei Christian Clavier, der in Frankreich ungefähr den gleichen Kultstatus besitzt wie Roberto Benigni in Italien. Clavier, ein Meister des Grimassierens und Augenrollens, spielt einen vertrottelten Priester, dessen Einfältigkeit sich Carco zunutze macht, um das viele Geld unbemerkt außer Landes zu schmuggeln. Die Szenen, in denen ein völlig genervter Carco versucht, dem ahnungslosen Kirchendiener im Flugzeug die Scheine wieder abzunehmen, gehören unbestritten zu den witzigsten des Films.

    Doch wenn Regisseur Jean-Marie Poiré zur Halbzeit zwei nur für seine Protagonisten sichtbare Doppelgänger-Schutzengel zur Erde entsendet, die ihren Schützlingen jedoch, statt zu helfen, das Leben zur Hölle machen, dann überspannt Poiré den Bogen, und der letzte Rest anarchischen Witzes geht zum Teufel.

    Wer bis dahin dem gnadenlosen Irrwitz noch nicht entflohen ist, hat am Ende noch einmal Gelegenheit, wirklich herzhaft zu lachen. Denn im Abspann werden ausgerechnet jene Szenen gezeigt, die eigentlich der Schnittschere zum Opfer gefallen sind . . .

    "Die Schutzengel" (Frankreich) 1995: 110 Minuten. FSK: Frei ab 12 Jahren. Kopien: Verleih verweigert Angaben. Regie: Jean-Marie Poiré. Drehbuch: Poiré, Clavier. Darsteller: Gérard Depardieu, Christian Clavier, Eva Grimaldi.

    Copyright: , 13.6.1996

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