40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Die Roberts als verschüchterte Dienstmagd: "Mary Reilly"
  • Kritik: Die Roberts als verschüchterte Dienstmagd: "Mary Reilly"

    Zu Beginn glaubt man seinen Augen nicht zu trauen. Im Zwielicht des Morgengrauens schrubbt eine unscheinbare Figur die Stufen eines hochherrschaftlichen Hauseingangs; sie trägt ein langes Dienstmädchenkleid und ist so züchtig verhüllt, daß sich Figur, Alter und Aussehen kaum erahnen lassen. Erst als sie aufblickt, um ihren spät heimkehrenden Herrn zu begrüßen, verwandelt sich die ungläubige Vermutung in Gewißheit: Tatsächlich, diese graue Maus ist Julia Roberts.

    Die Einstiegsszene von "Mary Reilly" ist Programm, in mehrfacher Hinsicht. Denn hier wird zwar einmal mehr die Geschichte des Dr. Jekyll erzählt, der sich unter Drogen nachts in den mörderischen Mr. Hyde verwandelt, doch zum ersten Mal aus der Perspektive seiner Domestiken, der Dienstmagd Mary Reilly, genauer gesagt. Die Atmosphäre ist düster und lastet bleischwer (und wird den ganzen Film über so bleiben), und die Roberts gestattet sich nie auch nur den Ansatz ihres berühmten Von-Ohr-zu-Ohr-Lächelns.

    Wie fast die gesamte heutige Kultur recycelt auch Regisseur Stephen Frears nur eine bewährte alte Geschichte, doch die Menge frischen Safts, die er der vertrockneten Zitrone (dem klassischen Novelle von Robert Louis Stevenson) abpreßt, ist erstaunlich. "Mary Reilly" (nach dem gleichnamigen Roman von Valerie Martin) verdoppelt die gespaltene Persönlichkeit des Dr. Jekyll. Zwei Seelen wohnen nicht nur in des Doktors Brust; sein Hausmädchen hat seit einer traumatischen Kindheitserfahrung ein zwiespältiges Verhältnis zu Männern.

    Diese innere Zerrissenheit zieht die beiden, trotz des Klassenunterschieds, gegenseitig an. Eine Faszination, die für Mary noch verstärkt wird, als sie außer dem verstörten Jekyll auch den selbstbewußten Hyde kennenlernt, sehr physisch, aggressiv und geil - alle ihre Ängste und Wünsche bezüglich Männern verkörpert in (was sie nicht weiß) einem einzigen Menschen.

    Eine vorzügliche Konstruktion für ein packendes Drama von Liebe und Enttäuschung, Begehren und Frustration. Doch Regisseur Frears benimmt sich wie Butler Poole im Film: Er erstickt jeden Anflug von Unbotmäßigkeit, jeden Funken Gefühls im Keim. Sämtliche Personen wandeln umher wie zwischen den dicken Mauern eines Gefängnisses, ersticken fast in ihren schwarzen Kostümen und an der alles umfangenden Düsternis, die auf weite Strecken die Farben auszuradieren droht.

    Die viktorianische Käseglocke, ihre schraubstockstrenge Hierarchie hat Stephen Frears eindrucksvoll konsequent auf die Leinwand gebracht - und sich dabei selbst einengen lassen. Nebel wabern, Schatten fallen, und am Schluß bleibt uns auch die schaurige Verwandlungsszene nicht erspart. Atmosphäre aber ist nicht alles. In "Mary Reillys" Schöpfungen fließt kein Blut, in ihnen lodern keine Gefühle. Außer einem gesenkten Kopf und angstvoll geweiteten Augen werden von Julia Roberts keine darstellerischen Leistungen verlangt. Das aber macht sie gut.

    Copyright: , 24.04.1996

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Sonntag

    -5°C - 4°C
    Montag

    -2°C - 4°C
    Dienstag

    0°C - 4°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!