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  • Kritik: Die Melancholie eines süßen Todes

    Für zwölf Oscars nominiert: Anthony Minghellas Ondaatje-Film 'Der englischer Patient'

    Eine weiche Pinselspitze setzt schwarze Tuschezeichen auf weißen Grund: Auf den ersten Blick wirken sie wie kostbare Kalligraphien; nur langsam entstehen aus den Zeichen Figuren, gleitende Schwimmerinnen einer uralten Höhlenmalerei, und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis man erfährt, in welchem Zusammenhang diese Bilder entstanden sind, welche symbolische Bedeutung sie für den Verlauf der Geschehnisse haben: Ganz sanft entführt einen dieser Film in seine Welt. Unablässig streut die Geschichte ihre Spuren aus, und so fließend, wie sich die Sanddünen der Sahara durch den Wind verändern, so geschmeidig wandeln sich hier auch die Konstellationen zwischen den Menschen.

    Gleich am Anfang gleitet ein gelber Doppeldecker mit einer Frau und einem Mann darin durch die Lüfte, und während man als Zuschauer noch die Freiheit dieses Fluges durch die sonnenflutende Helligkeit, über die Dünen der Sahara einsaugt, ahnt man noch nichts von der Tragik der Szene: Mit jeder im Laufe des Films hinzukommenden Information verändert sich dieses Bild ein wenig, doch erst am Ende offenbart sich seine ganze Tragweite.

    1939 herrscht auch in Ägypten Krieg; ein deutsches Flugzeug wird von den Engländern abgeschossen, ein Mann schwer verletzt daraus geborgen. Beduinen kühlen das verbrannte Fleisch mit einer erdigen Paste: Der Mann überlebt, vorerst. Jahre später, kurz vor Kriegsende, taucht er in Italien auf. Weil er sich an nichts erinnert, gilt er unter den Krankenschwestern im Lazarett nur als der englische Patient. Um dem Sterbenden die Strapazen einer weiteren Reise zu ersparen, quartiert sich die franko-kanadische Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) mit ihm in einem alten, vom Krieg gezeichneten Kloster in der Toskana ein.

    Auf perfekte Weise spiegelt der Zufluchtsort die Verfassung des Patienten, den äußerlich verfallenen Körper und die innere Schönheit und Poesie, welche von der schmerzlichen Erfahrung einer großen Liebe herrührt. Hier, am Rande des Krieges, gelingt es Hana, ein Stückchen Normalität zurückzuerobern. Zwischen ihr und dem lebend mumifizierten Patienten entwickelt sich eine ebenso unzweideutige wie zärtliche Beziehung.

    Die Melancholie des Todes ist diesem Film eingeschrieben, und wenn der Todgeweihte in den folgenden Wochen ganz langsam die Bruchstücke seiner Erinnerung zusammensetzt, dann ist das, als würde das Leben noch ein letztes Mal an ihm vorüberziehen, seiner physischen Verfassung entsprechend nur aus einem dämpfenden Rausch von Drogen und Schmerzen heraus; eben nicht in dramatischen Sekunden, sondern in lyrischen Wochen. Dabei ist es die besondere Qualität dieses Films, daß er aus dem Geflecht von Rückblenden kein profanes Puzzle werden läßt, sich statt dessen ganz schwerelos zwischen Orten und Zeiten, zwischen Ägypten und Italien, den späten Dreißigern und den mittleren Vierzigern bewegt.

    So taucht der Patient ein in jene Vergangenheit, als er noch einen Namen und einen Beruf hatte: Graf Laszlo Almasy (Ralph Fiennes), Mitglied einer Forschungsexpedition in der Sahara. Beiläufig bis feindselig ist die erste Begegnung zwischen ihm und Katharine (Kristin Scott Thomas), die mit ihrem Mann mitten in der Wüste aus dem Flugzeug steigt. Doch das demonstrativ zur Schau getragene Desinteresse kann den amour fou nur mühsam zügeln.

    Wie das Rätsel der Sphinx ist die Liebe hier inszeniert. Gerade weil die Gefühle erst die kühlen Fassaden britischer Zurückhaltung durchbrechen müssen, knistert es umso verheißungsvoller. In einem Auto, in dem es keine intime Berührung zwischen den Liebenden gibt, werden die Namen von Wüstenstürmen zu erotischen Bekenntnissen, und die flirrenden Sandkörnchen zum Parfum einer glühenden Verheißung.

    Gerade weil die Liebe hier ständig bedroht ist, wirkt sie um so kraftvoller und sinnlicher: Das erlebt auch Hana, als sie eines Tages von dem indischen Bombenentschärfer Kip in eine Kirche geführt wird. Im schwachen Licht eines Leuchtstabes, an einem Seil durch den Raum schwebend, wird die Schönheit der Fresken eins mit dem Rausch ihrer Gefühle.

    Der englische Patient ist die Verfilmung eines preisgekrönten Buches von Michael Ondaatje: Gewiß, da gibt es immer jene Leser, die sich vom Film um ihre Phantasien betrogen sehen und die vielfältigen Geheimnisse verteidigen gegen die eindeutigeren Bilder des Kinos. Die nur sehen, was fehlt, und nicht, was möglicherweise dazugekommen oder ohnehin gar nicht vergleichbar ist. Dem Englischen Patienten können sie damit nur unrecht tun. Natürlich sind die literarischen Fäden ein wenig enger geschnürt, einige Handlungsträger ganz gekappt, dafür aber sind ganz neue, filmische Qualitäten hinzugekommen.

    Dazu entwickelt das geschriebene Wort in diesem Film eine verführerisch schmeichelnde Präsenz, allein schon durch die Bücher, aus denen hier gelesen und vorgelesen, aus denen erzählt wird, oder durch die Zeilen, die, einmal auf kleine Papierschnitzel gekritzelt, über Jahre aufbewahrt werden.

    Im Roman beschreibt sich der Patient als jemand, der, in einem fremden Haus alleingelassen, ans Bücherregal tritt, einen Band herausnimmt und ihn förmlich einatmet: So muß es Anthony Minghella mit Ondaatjes Buch ergangen sein. Wenig scheint seine beiden kleinen, romantischen Komödien Truly, Madly, Deeply und Mr. Wonderful noch mit diesem großen Melodram zu verbinden. Selbst Michael Ondaatje soll sich beeindruckt davon gezeigt haben, wie der Film den Geist seines Werkes erfaßt habe.

    Eine verbotene und tragische Liebesgeschichte in einem exterritorialen Krieg; eine illustre Mischung von Nationalitäten und Lebensgeschichten: Das ist der Stoff, aus dem Casablanca war, und vielleicht wird auch The English Patient einmal einen ähnlich prominenten Platz unter den großen Melodramen des Kinos einnehmen.

    ANKE STERNEBORG THE ENGLISH PATIENT, USA 1996 - Regie: Anthony Minghella. Drehbuch: Minghella nach dem gleichnamigen Roman von Michael Ondaatje. Kamera: John Seale. Musik: Gabriel Yared. Darsteller: Ralph Fiennes, Kristin Scott Thomas, Juliette Binoche, Willem Dafoe, Naveen Andrews, Colin Firth, Jürgen Prochnow. Verleih: Kinowelt. 145 Minuten.

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