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  • Kritik: Die Leiden des deutschen Odysseus

    Gute Exportchancen

    Bereits 1955 war Josef Martin Bauers Buch "So weit die Füße tragen" erschienen, in dem der Autor nach den Erinnerungen des Bayern dessen Leidensweg vom eisigen Kap Deschnew im fernsten Osten des Sowjetreiches quer durch die unendlichen Weiten Sibiriens bis in die Freiheit nach Persien schildert. Als Forell über Teheran und Ankara schließlich zwei Tage vor Weihnachten 1952 Frau und Kinder umarmen kann, hat er in drei Jahren Flucht 14.208 Kilometer hinter sich. Bauers fesselndes Buch wurde und bleibt ein Welterfolg, in 15 Sprachen übersetzt, mit einer Gesamtauflage von mehr als 30 Millionen Exemplaren.

    Natürlich ist die Odyssee des Clemens Forell ein grandioser Filmstoff, der geradezu nach einer groß angelegten Kinofassung schreit. Aber erst ein Außenseiter, der ehemalige Stuntman Hardy Martins, hatte den Mut und nahm das beträchtliche finanzielle Risiko auf sich, "So weit die Füße tragen" endlich auf die Leinwand zu bringen. Das Resultat, bei dem Martins als Regisseur, Produzent und auch als einer der Drehbuchautoren verantwortlich zeichnet, kommt am 27. Dezember in die Kinos. Trotz Schwächen und Fragwürdigkeiten ist der 158-minütige Film ganz am Ende des Jahres ein Ereignis, das keineswegs weniger Beachtung als "Harry Potter" oder "Der Herr der Ringe" verdient.

    Der Film beginnt im Herbst 1945, dem Jahr der deutschen Demütigung. Diese erleiden in ganz besonderer Weise jene Kriegsgefangenen, die in ungeheizten Zügen zusammengepfercht von den siegreichen Sowjets nach Sibirien gebracht werden, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Viele sterben schon beim Transport, Clemens Forell gehört zu den Überlebenden. Nach einem Jahr Fußmarsch erreicht er mit anderen im Herbst 1946 das Lager an einem Bleibergwerk am sibirischen Ostkap. Die Arbeit ist mörderisch, die gefangenen Deutschen sterben wie die Fliegen. Jeder Versuch, dieser Vorhölle zu entkommen, scheint ausweglos. Denn die Natur in diesem fernen Weltwinkel ist extrem menschenfeindlich.

    Trotzdem denkt Forell nur an eines: Flucht. Und mit Hilfe des todkranken Lagerarztes Dr. Stauffer gelingt ihm diese beim zweiten Anlauf. Völlig unzureichend für dieses tollkühne Unternehmen ausgestattet, doch beseelt von unbändigem Willen, beginnt im Oktober 1949 die beispiellose Odyssee des Deutschen. Der Film, in 124 Drehtagen meist an russischen Schauplätzen entstanden, zeichnet die Stationen Forells auf seinem langen Marsch gen Heimat nach. Kameramann Pavel Lebeshev hat viele grandiose Landschaftsbilder eingefangen, die unendliche Weite und die Verlorenheit des Fremden darin wird sinnlich erfahrbar. Wenn nur der bombastisch auftrumpfende Musikschwulst von Edward Artemyev nicht wäre!

    Diese Gedröhne verdirbt viel an dem Film, auch die inszenatorischen Unsicherheiten von Regisseur Martins beeinträchtigen die Wirkung. Der sowjetische Lagerkommandant Kamenev wird über die Maßen dämonisiert und am Schluss noch völlig dramaturgisch unnötig auf die Brücke gestellt, die Forell zur rettenden persischen Grenze führt. Martins trägt gern zu dick auf. Dabei ist die Geschichte stark genug, um den Zuschauer zu bannen. Gut war allerdings seine Wahl des Hauptdarstellers, denn Bernhard Bettermann gestaltet die Forell-Rolle durchaus nuancenreich. Es wird offensichtlich, dass sich der Flüchtling auch krimineller Methoden bedient, um sein Ziel zu erreichen.

    Bettermann zeigt einen hart gewordenen, zu allem entschlossenen Mann, keinen Gutmenschen. Beeindruckend ist auch Michael Mendl als Lagerarzt Dr. Stauffer. Seine Tragik rührt an, die Liebesgeschichte Forells mit einer schönen Jakutin ist eher kitschig, aber muss wohl sein. Völlig unverständlich ist das Fehlen jeden Hinweises in dem Presseheft zum Kinofilm auf die legendäre TV-Serie, in der Heinz Weiss, inzwischen 80 Jahre alt geworden, den Clemens Forell spielte. So geschichtslos darf sich niemand geben, der selbst ein wichtiges Stück Geschichte auf die Leinwand bringt.

    Aber Martins und seinem Team gebührt Respekt, das Wagnis dieser Verfilmung auf sich genommen zu haben. Denn der Etat von 15 Millionen Mark muss nun an den Kinokassen eingespielt werden. Ob das bereits im so geschichtsvergessenem Deutschland gelingt? Doch "So weit die Füße tragen" sollte gute Exportchancen haben. Und das lässt sich selten genug von einheimischen Filmen sagen. Hardy Martins ist Glück zu wünschen.

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