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  • Kritik: Die ganz alltägliche Gewalt

    Die langen, anonymen Korridore erinnern an Kubricks Meisterwerk «The Shining», die Gewalt-Thematik an Michael Moores «Bowling for Columbine». Mit seinem jüngsten Werk «Elephant» will Regisseur Gus Van Sant (51) den Alltag amerikanischer Jugendlicher vor einem völlig willkürlichen, dramatischen Amoklauf aufzeigen - und wählt dafür eine ganz undramatische Erzählweise, die den Zuschauer immer tiefer in den Sog des nahenden Unheils zieht.

    Der Film, der nicht einmal in Ansätzen versucht, Erklärungen anzubieten, wurde im vergangenen Jahr in Cannes gleich zwei Mal ausgezeichnet: als bester Film und für die beste Regie.

    Keine Antwort auf die Frage nach dem "Warum"

    Es ist ein ganz normaler Tag an einer offenbar ganz normalen amerikanischen Highschool. Die Kamera von Harry Savides, der bereits in David Finchers Thriller «The Game» für ungewöhnliche Perspektiven sorgte, begleitet die Kinogänger in die Klassenzimmer, die Mensa, die Parkanlage und die Bibliothek der Schule. Sie lernen John kennen, dessen Vater zum wiederholten Mal betrunken am Steuer sitzt, Elias, den Träumer und angehenden Fotografen, Jordan, Nicole und Brittany, die über Belanglosigkeiten schwafeln und sich nach dem Mittagessen gemeinsam auf der Toilette erbrechen.

    Und dann sind da natürlich Alex und Eric. Im Kellerzimmer spielen sie gewalttätige Video-Games, kaufen per Internet schwere Waffen ein und sind zudem noch Nazi-Anhänger - hier hat Van Sant wirklich auf kein gängiges Klischee verzichtet. Erst gegen Ende des mit 81 Minuten relativ kurzen Films treten die beiden in Kampfmontur auf und werden zu Massenmördern. Sie wissen, dass sie sterben werden, aber ihr Motto lautet «Have fun!» - Hab Deinen Spaß. Mehr Antworten auf die drängende Frage nach dem «Warum?» will das Werk nicht geben.

    Zwischen Einsamkeit und Irrsinn

    «Elephant» folgt dabei keiner chronologischen Abfolge der Geschehnisse, sondern lässt Szenen, Bilder, Geräusche und Perspektiven auf fast gleichgültige Weise ineinander fließen. Trotz der gewollten Banalität hat der Zuschauer schnell begriffen, dass es um die Endzeitstimmung an amerikanischen Schulen geht, um Einsamkeit und Irrsinn: Wer erschaudert nicht noch immer beim Gedanken an das Massaker in Littleton, Colorado, im Jahr 1999, als zwei 18-Jährige an der Columbine Highschool erbarmungslos und ohne Vorwarnung zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen?

    Der Titel des Streifens ist dem gleichnamigen Film von Alan Clarke aus dem Jahr 1989 entlehnt, der damals meinte, die Monotonie der täglichen Gewalt sei etwa so leicht zu ignorieren wie ein «Elefant im Wohnzimmer». Van Sant hat die Bedeutung noch um eine buddhistische Metapher erweitert, in der mehrere Blinde verschiedene Körperteile eines Elefanten ertasten. Jeder ist überzeugt, auf Grund seiner sinnlichen Wahrnehmung das wahre Wesen des Elefanten zu erfassen, aber keiner erkennt ihn als Ganzes. Genau so unübersichtlich sei auch die Gewalt an US-Schulen, erläutert der Regisseur den Filmtitel: «Wir wollten nichts erklären. Sobald Sie eine Erklärung liefern, werden fünf andere Möglichkeiten dadurch negiert, dass Sie die eine gewählt haben.»

    Provokanter Grenzgänger-Film

    Mit «Elephant» ist Van Sant von seinen Mainstream-Werken «Good Will Hunting» oder «Finding Forrester» wieder zu den provokanten Grenzgänger-Filmen wie «My own private Idaho» oder «Drugstore Cowboys» zurückgekehrt. Er drehte den Film mit geringem Budget und wählte hauptsächlich Laien-Schauspieler - also echte amerikanische Schüler und Schülerinnen - als Hauptdarsteller für sein realistisch- poetisches Werk. Dennoch gehen die Zuschauer am Ende mit dem Gefühl nach Hause, dass zu viel Distanz auch in eine gewisse Gleichgültigkeit ausufern kann. Sie gehen mit den gleichen Fragen nach Hause, die sie schon nach dem Massaker von Littleton quälten. Antworten bekommen sie von «Elephant» nicht.

    dpa

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