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  • Kritik: Die diskrete Grausamkeit des Großbürgertums

    "Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem es so viele Verletzungen gibt wie in der Familie", sagt Jürgen Vogel. Der Schauspieler spielt die Hauptrolle in dem Familiendrama "Scherbentanz" von Chris Kraus. Es ist die erste Regiearbeit des Autors und einer der bemerkenswertesten deutschen Filme seit langem.

    Er legt die Eingeweide des deutschen Großbürgertums frei, die so zerfressen sind wie sein zynischer Held von seiner tödlichen Krankheit. Der Modedesigner Jesko leidet an Leukämie.

    Das Mutterbild wird demontiert - und wieder zusammengesetzt

    Nur widerwillig ist er der Einladung zu einem Familienereignis gefolgt. Als er aus dem Zug steigt, trägt er einen kleinen Koffer und einen Rock. Er will nicht mehr dazugehören wie sein Bruder, der sich arrangiert hat und die schweren Verletzungen der Kindheit nun mit Etikette kaschiert. Auch die Mutter (jung: Andrea Sawatzki) war rasend vor Schmerz, als sie damals mit der Axt auf ihre Söhne losgegangen ist. Jetzt hat man auch sie wieder heimgeholt, eine verwahrloste Irre, die das rettende Knochenmark für Jesko spenden soll.

    Die großartige Margit Carstensen spielt diese von Wahnsinn und Alkohol verwüstete Frau, bei der unerwartet noch einmal der Mutterinstinkt durchbricht. "Ich habe noch nie einen Film gesehen, der das Bild der Mutter so demontiert und dann wieder zusammensetzt", meint Jürgen Vogel, "das ist ein Tabu". Die couragierte Demontage des Mutterbildes war es, die ihn auch an dieser Geschichte am stärksten beeindruckt hat. Die Rolle des zynischen Jesko, der sich selbst als "wankelmütiges Schneiderlein im Rock" charakterisiert, war für ihn "ein Geschenk". Ein Geschenk, das Jürgen Vogel mit dem Publikum teilt, denn er verkörpert den Ich-Erzähler dieser Tragödie so kongenial, dass man ihn sogar bei der Lektüre der Romanvorlage mit seiner Stimme reden hört.

    Dekadenz des Großbürgertums als Groteske

    "Beim Schreiben des Drehbuchs habe ich Jürgen Vogel schon im Kopf gehabt", sagt Chris Kraus, der mit "Scherbentanz" sowohl als Literat als auch als Filmemacher beeindruckt. Für ihn ist diese Personalunion nichts Ungewöhnliches. Denn auch als Autor würde man schließlich inszenieren und Bilder kreieren. "Ich finde, dass der Beruf des Regisseurs überschätzt ist. Das ist halt der Bandleader, aber dieser Film ist ganz stark durch die Arbeit des Teams entstanden." "Scherbentanz" ist ein Ensemblefilm, dessen abgründige Geschichte unprätentiös inszeniert und mit morbidem Humor erzählt ist.

    Und der darüber hinaus dem deutschen Film eine verblüffende neue Perspektive eröffnet. Chris Kraus hat die Dekadenz des Großbürgertums zu einer grausamen Groteske verdichtet. Was der Film nicht zuletzt den intimen Milieukenntnissen des Autor verdankt. Umso radikaler kann er mit einer Welt umgehen, die in TV-Schnulzen trivialisiert wird und im Kino kaum erschlossen ist. "Wir machen in Deutschland ja viele Mittelklasse-Geschichten, weil es hier im Gegensatz zu England oder Frankreich keine Klassengesellschaft gibt", erklärt Chris Kraus.

    "Es geht um die Schmerzen"

    "Trotzdem ging es mir nicht vorrangig darum, das Großbürgertum darzustellen. Entscheidend war, dass ich das Milieu kenne. Das finde ich wichtig, wenn man Geschichten erzählt", meint der Regisseur. "In dem Drama", betont er, "geht es ja nicht um die Klasse, sondern um die Seele". Was im "Scherbentanz" allerdings nur schwer voneinander zu trennen ist. "Es geht um die Schmerzen", sagt Kraus. Oder wie er seinen innerlich schwer verwundeten Helden sagen lässt: "An den Schmerzen merkst du, ob du zu Hause bist. Nicht am Türschild."

    Ricarda Schrader, dpa

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