40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Die BrandtGuillaume-Tragödie im Spiegel der Söhne
  • Kritik: Die BrandtGuillaume-Tragödie im Spiegel der Söhne

    «Mein Vater lachte lauthals los, als Guillaume auf dem Bildschirm erschien. Das war mir unheimlich, und er wirkte ein wenig fremd auf mich.» Der heute 44-jährige Matthias Brandt war im April 1974 erst zwölf Jahre alt, als er die Tragödie seines Vaters mit der Enttarnung des DDR-Spions Günter Guillaume im Kanzleramt miterleben musste. Dessen Sohn Pierre war bereits 17 und wie viele Jugendliche damals ein Brandt-Anhänger.

    «Das war ein harter Schlag für mich, dass ausgerechnet mein Vater derjenige war, der meinen "politischen Vater" verraten hatte», erinnert sich der heute 48-jährige Pierre Boom, wie er sich heute nach seiner Mutter nennt. Beide Männer lassen in dem Dokumentarfilm «Schattenväter» von Doris Metz jene politisch wie privat stürmischen Tage auf der Leinwand noch einmal Revue passieren, oft nicht ohne spürbaren Schmerz.

    Es ist ein streckenweise bewegender und bedrückender Spaziergang durch Raum und Zeit, wenn die beiden erwachsenen Männer die Orte ihrer Kindheit und Jugend noch einmal durchlaufen, von der mittlerweile verlassenen Brandt-Villa am Bonner Venusberg bis zum Stasi-Kino in Ostberlin. Dabei kommen zum Teil albtraumhafte Erinnerungen wieder zur Sprache, die nicht nur an einen gespenstischen historischen Moment der beiden deutschen Staaten erinnern, sondern auch ganz private Vater-Sohn-Tragödien anklingen lassen. Die allzu dramatisch klingende Filmmusik (Markus Stockhausen) kann das fröstelnde Gefühl des Zuschauers nicht mehr steigern, sondern wirkt manchmal eher störend und übertrieben melodramatisch. Die Kamera (Sophie Maintigneux) dagegen fängt stimmungsvolle Bilder ein und ist sensibler Begleiter dieser Reise in die Vergangenheit.

    Im Zuschauer macht sich das Gefühl großer Einsamkeit der beiden Söhne breit, von denen der eine (Brandt) nie eine richtige Beziehung zum Vater aufbauen konnte und der andere bis heute auf der Suche nach seinem (inzwischen ebenfalls gestorbenen) Vater ist. Es sei ihm nie gelungen, einen «privaten Vater» aufzuspüren. «Ich hatte so viele Fragen an ihn, die ich nie loswerden konnte», meint Boom. «Man hat mich nicht einmal an sein Sterbebett gelassen.»

    In diesem Punkt beneidet der seit 30 Jahren in Berlin (Ost und jetzt West) lebende Fotograf und Journalist seinen «Mitspieler» auf der anderen Seite, Matthias Brandt. Der übernahm im TV-Zweiteiler «Im Schatten der Macht» 2003 ausgerechnet Guillaumes Rolle, was dessen Sohn doch «ein bisschen befremdet» hat, wie er heute sagt. Im «wirklichen Leben» ist für den jungen Brandt der Abschied vom Vater am Sterbebett im Oktober 1992 ein unvergesslicher Augenblick: «Als ich zu ihm sagte "Ich habe dich doch lieb gehabt", war eine Minute Stille, dann liefen ihm die Tränen.»

    Der Guillaume-Sohn ist im Film und auch in seinen zuvor erschienenen Erinnerungen («Der fremde Vater», Aufbau Verlag) immer noch auf der Suche nach «den vielen Vätern», wie er es nennt. «Es bleibt ein offenes Ende, traurig und unbefriedigend.» Seine im vergangenen Jahr gestorbene Mutter Christel sprach verbittert von ihrem «verpfuschten Leben». Pierre war Mitte der 80er Jahre noch in die SED eingetreten im Glauben, etwas im Sinne Gorbatschows bewegen zu können, ehe er 1988 schließlich resigniert die DDR wieder verließ und in den Westen zurückkehrte - ein Wechsel zwischen den Welten ein Leben lang. «Ich kann nicht sagen, dass ich zu wenig erlebt habe.»

    Am Ende des Films blicken zwei erwachsene Männer, die als Jugendliche mit ihren Vätern einmal zusammen Ferien auf einer norwegischen Berghütte verlebt haben, am Rheinufer gedankenversunken auf den deutschen Strom. Im Film treten sie nie zusammen auf. Und von einer «schicksalhaften Verknüpfung» der beiden will Matthias Brandt auch nichts wissen. «Eine Aussprache über den Verrat Guillaumes an meinem Vater war natürlich nicht angesagt. Wenn, dann hätten sich ja unsere Väter aussprechen müssen.»

    dpa

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Jochen Magnus

    Mail | 0261/892-330

    Abo: 0261/9836 2000

    Anzeigen: 0261/9836 2003

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Montag

    -4°C - 2°C
    Dienstag

    1°C - 3°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Donnerstag

    4°C - 8°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Rock am Ring geht zurück

    Das Rockfestival findet 2017 nicht mehr in Mendig, sondern wieder am Nürburgring statt. Was sagen Sie zu diesen Neuigkeiten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!