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  • Kritik: Deutsche Hollywood-Regisseure sind die patriotischsten

    Frankfurt/M (AP) "Air Force One", das sind 347.850 Kilo High-Tech für einen einzigen Passagier. Denn der mächtigste Mann der Welt mit Wohnsitz im Weißen Haus fliegt in der Spezialfertigung von Boeing zu jedem Ort, den die politische Pflicht dem US-Präsidenten aufzusuchen heißt. Sein Flugzeug "Air Force One" ist ein schon legendäres Symbol für Amerikas Weltmacht und nun auch der Titel eines Actionthrillers, der am 16. Oktober in den deutschen Kinos anläuft.

    Zweifellos hat der in Hollywood arbeitende deutsche Regisseur Wolfgang Petersen mit dem Drama um die Entführung der fliegenden Präsidenten-Festung durch russische Terroristen seinen Ruf als Kassenhit-Macher gefestigt. In den USA hat der Film weit über 150 Millionen Dollar eingespielt - ein Argument, an dem alle kritische Einwände abzuprallen pflegen. Gleichwohl sollten sie nicht verschwiegen werden.

    Die Geschichte, die der Film nach einem Originaldrehbuch von Andrew W. Marlowe erzählt, ist spektakulär: Nach einem Besuch in Moskau und einer weltweit gefeierten Rede gegen den Terrorismus wird US-Präsident James Marshall samt Frau, Tochter und seinem ganzen Troß Opfer von Terroristen. Denn an Bord haben sich als Journalisten verkleidete Kommunisten geschmuggelt, die mit Hilfe eines verräterischen Sicherheitsbeamten den mit allen Raffinessen modernster Technik ausgestatteten Flieger in ihre Gewalt bringen.

    Über deutschem Luftraum beginnt mit einem Blutbad ihre Aktion, die zur Befreiung eines gefürchteten Putschgenerals führen soll. Und der wird ausgerechnet vom einzigen deutschen Darsteller Jürgen Prochnow gemimt. Der alte Wegbegleiter von Petersens Karriere wird dabei schauspielerisch bejammernswert unterfordert, denn er darf einfach nur so grimmig dreinschauen, wie es die Pinochets dieser Welt nun mal zu tun pflegen.

    Präsident Marshall kann sich in dem Riesenleib der Maschine verbergen und mit ihrer Rückeroberung beginnen. Doch im fernen Washington weiß man davon nichts, wohl aber vor der Drohung der Entführer, jede Stunden eine Geisel zu töten. Vizepräsidentin Kathryn Bennett, verkörpert von Glenn Close, muß nun die Nerven bewahren. Die Terroristen, angeführt vom zwischen Sentimentalität und Bestialität blitzschnell wechselnden Ivan Korshunov (Gary Oldman), beweisen bald, daß sie meinen, was sie sagen. Doch auch sie können ihrer Sache nicht sicher sein, solange Marshall nicht in ihren Händen ist.

    Wie alles endet, läßt sich bei einer Hollywood-Großproduktion leicht ausrechnen. Wie das Geschehen inszeniert wird, welche Feinheiten es für die Zuschauer bereithält, ist interessanter. Und hierbei sind trotz Spannung, Stunts und Sensationen durchaus Abstriche zu machen: Zwar hat Petersen sein Handwerk weiter perfektioniert. Aber hoch ist der Preis, den der beste deutsche Filmemacher für den Erfolg bezahlt. Filme wie "Air Force One" transportieren so viel Klischees und Pappcharaktere, daß es einem Mann vom Format Petersens gewiß mehr als einmal heimlich fröstelt.

    Warum erst Roland Emmerich in "Independence Day" und nun auch Petersen sich so superpatriotisch amerikanisch geben wie wohl kein dort geborener Regisseur mehr, ist ein Phänomen eigener Art. Aber steigerbar ist die Verklärung von Präsidenten zu heldenhaften Lichtgestalten und unbesiegbaren Kampfmaschinen künftig kaum noch. Es ist ein großes Glück für "Air Force One" und Petersen, daß der wunderbare Harrison Ford die Rolle von Präsident Marshall übernahm.

    Ford stattet diese Figur immer mit einem Rest Zweifel, Skrupel und Antiheroismus aus, die selbst diese vaterländische Überdosis verdaubar macht. Der Film leidet allerdings darunter daß sein Gegenspieler nicht vom selben, natürlich diabolischen Kaliber ist. Am guten Oldman, der mit solchen Rollen Erfahrungen hat, liegt das nicht, wohl aber am Drehbuch.

    Das entblödet sich auch nicht, die Terroristen an Bord im Moment ihres vermeintlichen Triumphs die Internationale singen zu lassen. Es sollte auch in Hollywood zu den zivilisatorischen Grundlagen gehören, daß man dem geschlagenen Feind von einst nicht auch noch hohnlachend in die Leichenteile tritt.     Von AP-Korrespondent Wolfgang Hübner

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