40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Der übliche Verdächtige
  • Kritik: Der übliche Verdächtige

    Er galt schon beim letzten mal als Geheimtip für den Preis als bester Hauptdarsteller, und in diesem Jahr gehört er zu den Favoriten. John Travolta hat mit "Schnappt Shorty" bewiesen, daß sein lässiger Auftritt in "Pulp Fiction" kein Zufall war. In der Gangsterkomödie spielt er den kleinen Schurken Chili Palmer, den es unter die Großmäuler von Hollywood verschlägt. Travolta grinst sein Grübchengrinsen, quatscht keinen Unsinn und prügelt sich nur mit Stärkeren. Er hat gute Laune, er macht gute Laune, und er hat damit eine Menge Dollars für Hollywood verdient. Wenn diese Welt gerecht wäre, dann kriegte Travolta in diesem Jahr den Oscar. Aber Hollywood ist ungerecht, Travolta hat Ende Januar einen Golden Globe gewonnen. Mehr gibt´s nicht für einen wie ihn. Extra nennt die Gründe:

    "Tony weiß, was cool ist!" So hieß es schon vor fast 20 Jahren über Tony Manero, den Travolta in "Saturday Night Fever" spielte, und gemeint war nicht nur sein sicherer Geschmack bei der Auswahl weißer Anzüge und farbiger Hemden aus Polyester. Coolness war damals (und ist bis heute geblieben): das sichere Unterscheidungsvermögen in allen Fragen der Ethik und Ästhetik, das genaue Gespür dafür, was ein Mann tun muß, damit er sich nicht lächerlich macht in einer lächerlichen Welt. Coolness ist, nebenbei gesagt, das Gegenteil jener Schauspielkunst, welche die Oscar-Jury am liebsten prämiert: diese nervöse Erregung der Gesichtsmuskeln, die von Bildungsbürgern gern mit seelischer Tiefe verwechselt wird. Cool war Robert Mitchum, der an den Rand seiner Lieblingsdrehbücher gern schrieb: "no acting required", keine Schauspielkünste notwendig (weshalb er auch nie einen Oscar bekam). Cool ist ein Wort, das die Enkelkinder der Oscar-Juroren für jene Dinge gebrauchen, die ihre Eltern und Großeltern nie verstehen werden. John Travolta versteht sie. Deswegen kann die Oscar-Jury einen wie ihn nicht verstehen.

    "Al Pacino! Ich will so werden wie er", ruft Travolta in "Saturday Night Fever", guckt noch einmal aufs Porträt seines Helden, das über seinem Bett hängt wie ein Heiligenbild, und dann rennt er, nur mit einem schwarzen Slip bekleidet, aus dem Zimmer und erschreckt seine arme alte Oma mit dem Ruf "Al Pacino, Al Pacino". Warum hängt nicht John F. Kennedy über seinem Bett? Wo bleiben die Wimpel von Football- und Baseballmannschaften? Absolut unamerikanisch, die ganze Szenerie; und es sieht nicht so aus, als ob Travolta sich gebessert hätte. Spielt in "Pulp Fiction" und "Schnappt Shorty" wieder diese kleinen Mobster, die sich Öl in die Haare schmieren und goldene Kreuze auf der Brust tragen. Aufrechte Angelsachsen mögen das nicht, finden diese katholischen Manieren irgendwie obszön und den grinsenden Sex-Appeal italienischer Männer entweder beunruhigend oder zu verschwuchtelt und geben den Oscar (dem, zu ihrem Glück, das Geschlechtsorgan fehlt) lieber naseweisen Briten wie Jeremy Irons und Anthony Hopkins oder guten amerikanischen Jungs wie Tom Hanks. Italiener kriegen erst dann eine Chance, wenn ihre Schläfen ergrauen und man ihnen ihr Italienertum nicht mehr so deutlich ansieht. Al Pacino hat einen Oscar. Travolta muß noch eine Weile warten.

    In Hollywood hat kein Mensch verstanden, was das sollte, damals in "Pulp Fiction", als Travolta und Samuel L. Jackson sich über Fußmassagen und Hamburger unterhielten. Und wie das funktionieren sollte, daß Travolta in einer Szene erschossen wurde und eine Viertelstunde später wieder da war, das hat sich den alten Männern in der Oscar-Jury auch nicht wirklich erschlossen. Zu blöd, daß alle Welt das sehen wollte. Zu gemein, daß "Pulp Fiction" noch nicht mal die Hälfte dessen kostete, was Arnold Schwarzenegger normalerweise als Gage verlangt, und dann aber über 100 Millionen Dollar einspielte. Das war die schlimmste Demütigung für die Wichtigtuer in den Studios und auf den Produzentensesseln: daß Tarantino einer ist, der Godard fehlerfrei buchstabieren kann und trotzdem noch mehr vom Geschäft versteht. Das konnte man dem Burschen nur auf eine Weise heimzahlen - indem man bei ihm klaute: "Schnappt Shorty" wurde von Metro-Goldwyn-Mayer produziert und sieht so aus, wie sich ein großes Studio einen Tarantino-Film vorstellt, inklusive John Travolta. Hat ja gut funktioniert, hat Spaß gemacht und Geld gebracht, ändert aber nichts daran, daß es Tarantino selbst viel besser kann. Wenn jetzt Travolta für "Schnappt Shorty" den Oscar bekäme, den sie ihm für "Pulp Fiction" verweigert haben, dann wäre das zu dreist. Das trauen sie sich nicht.

    Als Tom Hanks noch lustig war (vielleicht war er damals sogar cool), in Penny Marshalls wundervollem "Big" beispielsweise, da hätte man ihm schon zugetraut, daß er ein Mikrofon zur Hand nimmt und zu singen und zu tanzen beginnt. Allerdings war das die Zeit, als Hanks noch keine Oscars gewann. Wer dort oben stehen will, auf der Bühne des Dorothy-Chandler-Pavillons in Hollywood, der sollte vorher dafür gelitten und gearbeitet haben, so wie Hanks in "Philadelphia" oder wie der britische Edellangweiler Anthony Hopkins im "Schweigen der Lämmer". Und wenn einer, nur so aus Spaß, plötzlich mit dem Tanzen anfinge, würde er bloß beweisen, daß ihm die sittliche Reife für einen Oscar fehlt. Al Pacino durfte natürlich Tango tanzen, im "Duft der Frauen", und kriegte trotzdem einen Oscar. Immerhin spielte er einen Blinden in dem Film, hatte sich also den Tanz durch Leiden verdient. Während Travolta ja einfach Spaß zu haben scheint: So kann man natürlich den Disco-Wettbewerb in "Saturday Night Fever" gewinnen. Aber bestimmt nicht mehr. In Amerika und England haben sie sich übrigens daran erinnert, daß Travolta in "Grease" auch gesungen hat, ziemlich unaufgeregt, so zwischen Tony Bennett und den Bee Gees, und jetzt wollen sie die alten Nummern wieder herausbringen und, wenn der Mann einmal Zeit hat, vielleicht sogar eine neue Platte produzieren. Da kann sich Travolta ja mal um einen Grammy bewerben. Oder sich an der Weltmeisterschaft in den lateinamerikanischen Tänzen beteiligen.

    Travolta besitzt einen Rolls-Royce, bewohnt ein hübsches Haus in einer guten Gegend von Los Angeles, trägt exzellente Anzüge. Amerikanische Reporter berichten, er lebe wie ein Milliardär, obwohl er doch allenfalls ein Multimillionär sei. Travolta meint dazu, er könne eben haushalten, nicht nur mit Mimik und Gestik, sondern auch mit dem bißchen Gage, das er so verdiene. Was will der Mann damit sagen? Meint er etwa, er sei etwas Besseres als all die Studiobosse und leitenden Film-Angestellten, die mit dem Geld nicht umgehen können, vor allem nicht mit dem Geld, das ihnen gar nicht gehört? Glaubt er, solche Flops wie "Showgirls" oder "Waterworld" wären einem wie ihm nicht passiert? Will er selbst ein Studio leiten? Wird er womöglich eines Tages ein Studio kaufen? Hat er das Geld schon auf dem Sparbuch? Und wenn er Chef ist, müssen dann alle cool sein oder Italiener oder mit Quentin Tarantino befreundet? Wird dann in Hollywood getanzt und gesungen und auf die Wichtigtuer gespuckt? Das wäre wohl das Ende. Man sollte Travolta rechtzeitig stoppen.

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    Das Wetter in der Region
    Sonntag

    -5°C - 4°C
    Montag

    -2°C - 4°C
    Dienstag

    0°C - 4°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!