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  • Kritik: "Der Schlächterbursche":

    Berlin - Ein kleines irisches Provinznest Anfang der 60er Jahre: Während sich am weltpoltischen Horizont drohend die dunklen Wolken der Kuba-Krise zusammenballen, entflieht der zwölfjährige Francie Brady gemeinsam mit seinem besten Freund Joe in eine abenteuerliche Phantasiewelt aus Comic-Heften und TV-Serien.

    Sein reales Familienleben liefert ihm guten Grund dazu. Sein Vater ist ein alkoholabhängiger Nichtsnutz und seine psychisch labile Mutter vollkommen vom Leben überfordert.

    Mit seinem neuem Spielfilm "Der Schlächterbursche" ist dem irischen Regisseur Neil Jordan ("The Crying Game") eine groteske Satire über eine spießige Kleinbürger-Idylle gelungen. Nach aufwendigen Hollywoodproduktionen wie "Interview mit einem Vampir" ist Jordan mit "Der Schlächterbursche", der im Wettbewerb der Berlinale vorgestellt wurde, jetzt wieder mit einem kleineren Kinofilm zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Zur Hilfe kam ihm dabei der Erfolgsroman des irischen Autoren Patrick McCabe. Gemeinsam mit dem Romancier ist es dem Regisseur gelungen, die Geschichte des tollkühnen Rotzbengels Francie Bradie zu einer stringenten Film- Handlung zu komprimieren.

    "Ich habe viele persönliche Erfahrungen aus meiner eigenen Kindheit in das Drehbuch eingebracht", berichtet Jordan. "Auch mir hat sich durch Comics, das Fernsehen und Radio damals eine ganz neue Welt erschlossen."

    In der kleinbürgerlichen, bigotten Provinzialität, die von der hochnäsigen Nachbarin Mrs. Nugent, ihrem Strebersöhnchen und pädophilen Kirchenvertretern geprägt ist, verstößt der störrische Francie gegen die gesellschaftlichen Konventionen. Der einzige emotionale Bezugspunkt des frechen Rotschopfs ist sein Freund und "Blutsbruder" Joe. Gemeinsam mit ihm macht er dem Nugent-Sprößling das Leben schwer und flüchtet in das Abenteuerreich ihrer Phantasie.

    Um die passende Besetzung für diesen aufmüpfigen Bengel zu finden, schickte Jordan gleich zwei Casting-Agenten in Irland auf die Suche, die dafür rund 2.000 Jungen vorsprechen ließen. "Wir haben Eamonn Owens schließlich in einer Schule entdeckt", berichtet der Regisseur. "Er hatte noch nie zuvor in einem Film mitgespielt." Für den inzwischen 13jährigen Hauptdarsteller war das eine Herausforderung, die er gerne annahm. "Diese Rolle hat bei mir echte Emotionen geweckt", so Owens, "denn ich habe selbst ein starkes Temperament".

    Das Unglück für diesen heranwachsenden Underdog nimmt seinen Lauf, als seine emotionalen Bindungen gekappt werden. Seine Mutter begeht Selbstmord, sein Vater säuft sich zu Tode, und nach seinen bösartigen Streichen landet der Junge in einer Besserungsanstalt. Jordan erzählt diese Geschichte jedoch nicht wie ein nüchternes Sozialdrama, sondern mit viel schwarzem Humor. In seinen lakonisch-sarkastischen Off- Kommentaren schildert der erwachsene Francie rückblickend seine anarchistisch anmutenden Adoleszenz-Phantasien. Als Ratgeberin fungiert für ihn die grellbunte Jungfrau Maria, die ihm regelmäßig in seiner Vorstellung erscheint.

    Nach seiner Entlassung setzt sich die Kette gesellschaftlicher Demütigungen fort. Als Francie schließlich als Schlachterbursche beim Töten von Schweinen helfen muß und sich sein alter Freund Joe auf die Seite des Establishments geschlagen hat, begegnet er der Intoleranz der Gesellschaft mit brachialer Gewalt. In einem brutalen Befreiungsschlag metzelt er seine größte Feindin nieder.

    Für Jordan ist "Der Schlächterbursche" weniger ein Film über Irland, sondern vielmehr das Portrait eines Provinzortes. Gedreht wurde dieser Spielfilm in dem irischen Ort Clones, der Heimatstadt von Autor Patrick McCabe. "Doch diese Geschichte", meint Jordan, "könnte sich auch im tiefsten Rußland zugetragen haben".

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