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  • Kritik: Der Legendenbeginn

    Mit der Formel «Wie alles begann» ist das Filmgeschäft noch lukrativer geworden. Nach den Fortsetzungen kommen nun die Vorgeschichten von Leinwandhelden vermehrt in die Kinos.

    Und so erfahren die Zuschauer jetzt auch in «Hannibal Rising», was in der Kindheit des prominenten Film-Kannibalen geschah. Autor Thomas Harris schrieb das Drehbuch nach seinem gleichnamigen Roman, Peter Webber («Das Mädchen mit dem Perlenohrring») führte Regie. Gaspard Ulliel spielt den jungen Hannibal Lecter, der sich vom traumatisierten Jungen zum kultivierten, aber eiskalten Genie entwickelt und aufbricht, um Grausames mit Grausamkeit zu vergelten.

    Als Hannibal Lecter sich 1991 mit dem denkwürdigen, doppeldeutigen Satz «I have an old friend for dinner» (Ich habe einen alten Freund zum Abendessen) aus Jonathan Demmes Klassiker «Das Schweigen der Lämmer» verabschiedete, war dies ein großartiger Abgang für den Star unter den Serienmördern. Das Faszinosum Lecter als blutgieriger Schöngeist und postmodernes Genie des Bösen wurde von Anthony Hopkins kongenial verkörpert, zynisch, grausam und manipulativ.

    Als Mann von exquisiter Bildung und Lebensart - selbst bei der Zubereitung seiner Beute - ist man ihm Jahre nach seiner Flucht wieder begegnet. Zunächst in Thomas Harris' 500-Seiten-Roman «Hannibal», dann in Ridley Scotts Leinwand-Adaption (2001). Als Harris den Psychiater Dr. Hannibal Lecter in «Roter Drache» einführte, war dies ein sensationeller Clou: Der gefährliche Serienmörder half dem FBI bei der Fahndung nach einem Serienkiller. Auch in Michael Manns Verfilmung «Blutmond» (1986) hatte Lecter (Brian Cox) noch nichts von einem animalischen Reißer.

    Das Neue an Harris' ausgiebig recherchierten Romanen war, dass sie das Innenleben pathologischer Serienmörder erkundeten. Was damals weitgehend noch unbekannt war, schwere psychische Deformationen als Folge traumatisierender Kindheitserlebnisse, ist jedoch mittlerweile auf Klischees verkürzt. Auf diese Weise wird nun auch «Hannibal the Cannibal» vom Mainstream ausgeschlachtet.

    In «Hannibal Rising» wird das Abgründige des Horrors durch plakative Brutalität ersetzt. Was der Junge Hannibal im Litauen des Jahres 1944 erlebt, ist der Biografie des realen, hochgebildeten russischen Serienmörders Andrej Tschikatilo nachempfunden. Den 1994 hingerichteten «Ripper von Rostow» verfolgte seit seiner Kindheit die entsetzliche Geschichte seines älteren Bruders, der im Hungerwinter 1933/34 verschwunden und wie vermutet ein Opfer von Kannibalismus geworden war.

    Eine ausgehungerte Söldner-Horde tötet und verspeist auch im Film Hannibals kleine Schwester, nachdem die Eltern bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Erst Jahre später wird Hannibal in Paris bei seiner exotischen Tante (Gong Li) seine Sprache wiederfinden, die seiner aristokratischen Herkunft angemessene Lebensart lernen und Medizin studieren. Dann wird er seine Rache an den ehemaligen Söldnern exekutieren, deren Anführer (Rhys Ifans) als Zähne fletschendes Monster auftritt. Bis auf das kultivierte Katz- und-Maus-Spiel zwischen Lecter und dem Kommissar gibt es keine Zwischentöne. Die nachträgliche Geburt einer Figur, die längst Thriller-Geschichte ist, vollzieht sich auf der Leinwand als krasser Gewaltakt und ohne erzählerische Raffinesse. Hannibal wird so zum Opfer seiner eigenen Legende.

    Von Ricarda Schrader, dpa

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