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  • Kritik: "Der Campus": Heiner Lauterbachs großer Auftritt

    Frankfurt/Main (AP) Hanno Hackmann ist als Soziologie-Professor eine Größe; in den Tücken des Alltags zeigt er sich als Schussel, der komische Situationen garantiert. Die kleine Tochter liebt er herzlich, seine gestrenge Ehefrau betrügt er mit der kapriziösen Studentin Babsi.

    Dieser Affäre eigentlich überdrüssig, versucht er Babsi mit einem unfeinen Manöver zum Abbruch der Beziehung zu provozieren. Das ist der Beginn von Hackmanns Verhängnis. Denn der Wissenschaftler wird Opfer einer noch unfeineren Intrige an der Hamburger Universität. Vor deren Hörsaal-Tribunal soll er schließlich den Fangschuß der Uni-Machtcliquen erhalten.

    Es ist ein ganz großer Moment im deutschen Kino der Gegenwart, wenn Heiner Lauterbach in der Rolle Hackmanns am Ende des Films "Der Campus" im Angesicht der akademischen Inquisition seine Verteidigungsrede hält. Da schleudert er seinen bigotten Widersachern ein bewegendes Schuldgeständnis entgegen, das zugleich eine flammende Anklage gegen die Verlogenheit eines desolaten Universitätsbetriebs - und insgeheim auch gegen die allgemeine Erstarrung im Land - ist. Was dem Bundespräsidenten kaum gelungen ist, könnte dem kahlköpfigen Medienmacho Lauterbach mit seinem spektakulären Kinoauftritt glücken: Mut zum "Ruck" machen.

    Dazu müssen aber erst einmal Millionen in Sönke Wortmanns Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Dietrich Schwanitz gehen, die ab 5. Februar in die Kinos kommt. Doch es ist nicht nur gut möglich, daß dieser Film ein großes Publikum finden wird, er verdient es auch: Wortmann hat die für deutsche Verhältnisse ungemein geistreich-witzige Vorlage des Hamburger Professors handwerklich gekonnt verfilmt. Die Darsteller sind mit sichtlicher Lust bei der Sache, die Szenenfolge hat Tempo und Schwung, die Dialoge sind pointiert, die üblichen Biederkeiten einheimischer Produktionen fast vollständig vermieden.

    Aber was fast noch wichtiger ist: Endlich läßt sich ein mit acht Millionen Mark Etat sehr aufwendiger deutscher Film auf die Realitäten ein. Endlich riskiert eine hochkarätige Produktion harte Kontroversen bei Kritik und Publikum. Endlich wird ein brillanter Roman auch zum Sehvergnügen. Und endlich werden eherne Tabus der "politischen Korrektheit" auch hierzulande einmal so respektlos wie intelligent unterlaufen, daß gute Laune im Parkett nie unter Niveau aufkommt. Endlich also einheimische Kinokost, die weder ihre Genießer noch ihre Verächter vom Speiseplan streichen dürfen.

    Sönke Wortmann, seit dem Riesenerfolg mit der Komödie "Der bewegte Mann" der Regieliebling des deutschen Films, und Produzent Bernd Eichinger haben mit der Verfilmung von "Der Campus" eine glückliche Wahl getroffen. Und nebenbei unter Beweis gestellt, daß es noch allemal von Stoff und Drehbuch abhängt, ob gute oder schlechte Filme entstehen. Denn das gleiche Team war es, das im vergangenen Jahr Hera Linds seichten Trivialroman "Die Superfrau" so qualvoll in den Sand setzte. Der Roman von Schwanitz ist jedoch von ganz anderer Qualität als Hera Linds Fließbandtext.

    Lauterbach zeigt sich, der Glanzrolle sehr wohl bewußt, von seiner besten Seite und ist unbestreitbarer als zuvor Deutschlands männlicher Kinoheld. Es steht nirgendwo geschrieben, daß der auch ein herziger Sympathieträger sein muß. Herausragend aber auch die Leistungen von Barbara Rudnik als Frauenbeauftragte Dr. Wagner und Axel Milberg als Intrigant Bernie Weskamp. Die so oft unterforderte oder mit den falschen Rollen betraute Rudnik zeigt ein eiskaltes Geschöpf des Zeitgeistes, in dem doch noch ein wilder Funke glimmt: einfach hocherotisch. Und Milberg macht aus seiner "Bösen"-Rolle die subtile Studie eines Zukurzgekommenen mit tragischen Zügen.

    Der RTL-Komödiant Stefan Jürgens verkörpert den schmarotzerischen Ausländer-Lobbyisten Heribert Kurtz äußerst glaubhaft, Armin Rohde gibt einen prächtigen Penner mit 68er Sprüchen ab. Weniger glücklich ist die Besetzung der Babsie-Rolle mit Sandra Speichert, deren Anziehungskraft auf Hackmann unergründlich bleibt. Doch das wiegt wenig in einer gelungenen und wichtigen deutschen Spielfilm-Produktion, der man hinterrufen möchte: Mehr davon!

    Daß "Der Campus" auch wütende Ablehnung provozieren wird, war schon nach den Voraufführungen absehbar. Er verletzt einfach zu viele eifrig bewachte gesellschaftliche Tabubezirke und stellt getreu seiner Vorlage Strukturen bloß, die unter dem Banner der Moralität zu Tummelplätzen heuchlerischer Karrieristen geworden sind. Der Roman von Schwanitz wie auch der Film von Wortmann verbreiten mit leichter Hand harte Schläge. Wer sich von ihnen getroffen fühlt, wird nicht ganz grundlos aufschreien.

    Von Wolfgang Hübner

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