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  • Kritik: Denzel Washingtons großer Auftritt in "Hurricane"

    Der eingängige Song "Hurricane" war der Auslöser für diese dynamische Biographie. Seit der Drehbuchautor Armyn Bernstein Bob Dylans schon 1975 veröffentlichten Solidaritätssong für den Boxer Rubin "Hurricane" Carter gehört hatte, ließ ihn dessen Schicksal nicht mehr los.

    Ihm erging es dabei nicht anders wie unzähligen Intellektuellen und Künstlern zuvor, die es einfach nicht fassen konnten, was Carter, von vielen als "bester Boxer aller Zeiten" bezeichnet, widerfuhr. Rubin Carter und sein junger Fan John Artis wurden 1967 wegen Mordes zu dreifach lebenslanger Haft verurteilt. Schon bei der ersten Verhandlung stand fest, dass die Beweisführung der Polizei eine Farce war. Doch erst nach dem dritten Wiederaufnahmeverfahren, 1988, kam Hurricane frei.

    Immer wieder gibt es Prozessverläufe, wie zum Beispiel im Fall von O.J. Simpson und Mike Tyson, die menschliche und soziale Befindlichkeiten einer Epoche wie unter einem Brennglas bündeln. Und was sich im Falle von Rubin Carter abspielte, ist wahrscheinlich der Stoff, aus dem Legenden und Helden gewebt sind: Das Leben schreibt immer noch den großartigsten Kitsch. Zu Recht hat Regisseur Norman Jewison sich auf das mythische Potenzial von Carters Schicksal konzentriert und historische Details ein wenig verwischt, manche würden sagen: verharmlost.

    In Schnappschüssen lässt er Carters Jugend Revue passieren: Carters erster Aufenthalt hinter Gittern, sein Ausbruch, seine Army-Zeit, seine erneute Inhaftierung. Carter heiratet, macht eine steile Karriere als Boxer und wird von demselben Polizisten, der schon seine ungerechtfertigte Einweisung in die Jugendstrafanstalt verfügte, wegen Mordes ins Staatsgefängnis von New Jersey gebracht.

    Denzel Washington in der Hauptrolle bleibt bei allen Schlägen, die er einsteckt, stets eine charismatische Figur und sieht sogar blutüberströmt im Ring noch gut aus. Der Schauspieler, der vom Lifestyle-Magazin "People" auf die Liste der "50 schönsten Menschen der Welt" gesetzt wurde, ist hier eine ergreifende Mischung aus Schwiegermuttertraum, edlem Ritter und Heiligem - um so bewegender ist es, wenn er zu Beginn seiner Leidenszeit weint wie ein Kind. Im Gefängnis, mit Nickelbrille und rasiertem Kopf wie Mahatma Gandhi gestylt, meditiert er, liest Krishnamurti und zieht im spärlichen Zellenlicht eine Topfblume.

    Rührend und ein bißchen komisch sind auch seine Freunde, vier betuliche Kanadier, die den Prozess wieder aufrollen und im von Rassenkonflikten aufgeladenen New Jersey mit seinen zynischen Polizisten wie hinterwäldlerische Exoten wirken. Ganz unspektakulär ausgelöst werden diese Aktivitäten von der Brieffreundschaft des schwarzen Schützlings dieser kanadischen Clique, Lesra Martin (Vicellousa Reon Shannon), mit Carter, in dem Lesra ein väterliches Vorbild sieht.

    In Wirklichkeit aber waren es neun Kanadier, die Carter unterstützten. Diese Geschichtsklitterung ist weniger bedenklich als die lasche Schilderung der Prozesse. Erst im Presseheft erfährt man nämlich, dass das Unrecht noch viel offensichtlicher und empörender war als im Film aufgezeigt: Denn schon 1974 widerriefen die Hauptbelastungszeugen ihre Aussagen und erklärten, bestohlen worden zu sein. "Hurricane" verfährt dagegen nach einer bewährten Methode und personalisiert einmal mehr den Rassismus, indem ein einzelner weißer Ermittler den Sündenbock abgibt. Leider erfährt man nicht, ob dieser Dunkelmann für seinen Betrug zur Verantwortung gezogen wurde.

    Eine breit angelegte Verschwörung darzustellen, wäre wohl doch zu ungemütlich besonders für ein amerikanisches Publikum geworden, in dem sich ebenso weiße wie schwarze Zuschauer angesprochen fühlen müssen. Was man ahnt, aber gar nicht so genau wissen will oder soll, ist denn auch, dass alles noch viel schlimmer war als auf der Leinwand vorgeführt. Und ebenso ist man sicher, dass der echte Hurricane nicht jener strahlende Held ist, als der er im Film porträtiert wird. Aber man möchte es sooo gern glauben: "Hurricane" ist eine zeitgenössische Erlösungsgeschichte.

    Birgit Roschy, AP

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