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  • Kritik: Den Opfern Gesichter geben

    Im September 1941 ermordete die SS 33 771 Menschen in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew. Innerhalb von zwei Tagen. Auch 60 Jahre nach dem Massenmord fällt es schwer, diese Gräuel angemessen zu beschreiben. Artur Brauners Produktion "Babij Jar - Das vergessene Verbrechen" hat es versucht.

    Der Film erzählt die Geschichte von zwei Familien. Zwanzig Jahre lang lebten die Onufrienkos und ihre jüdischen Nachbarn, die Lerners, Tür an Tür - bis die Deutschen kamen. Familienoberhaupt Grenadij Lerner (Michael Degen) hält die haarsträubenden Berichte von Nazi-Untaten zunächst für Propaganda.

    Doch als er sieht, wie Juden in den Straßen Kiews lebendig verbrannt werden und die Deutschen die Umsiedlung der Verbliebenen vorbereiten, beschließt Grenadij, seine Familie in Sicherheit zu bringen - mit Hilfe des Nachbarsjungen Stepan Onufrienko (Gleb Porschnew).

    Die rationale Seite des Antisemitismus: Gier

    Dessen Mutter Lena (Katrin Saß), einst die engste Vertraute der Lerners, entdeckt für sich inzwischen die scheinbar rationale Seite des Antisemitismus: Gier. Wenn die Nachbarn endlich weg sind, so hofft sie, kann ihre frisch verlobte Tochter samt Anhang nebenan einziehen. Lena verrät die Lerners. Nicht ahnend, dass ihr Sohn die Flüchtlinge begleitet.

    Mikrokosmos zeigt den Schrecken dieser Tage

    Angst und Ideologie, Widerstand und Verrat, Freundschaft und Hass - alles unter einem Dach. Die Doppelhaushälften der Onufrienkos und Lerners sind ein Mikrokosmos, der den Schrecken dieser Tage zu fassen versucht. Produzenten Artur Brauner verlor selbst Verwandte in Babij Jar. "Wenn ich an Babij Jar denke, sehe ich immer diese Gesichter, die ich größtenteils nur aus Fotos kenne", sagt der 84-jährige Erfolgsproduzent. Er wolle den Opfern Gesichter geben und die Erinnerung an sie wach halten. In den Schwarz-Weiß-Film sind sparsam Originalbilder gewebt.

    Was passiert mit normalen Menschen in einer wahnsinnigen Welt?

    Regisseur Jeff Kanew, der mit der TV-Serie "Ally McBeal" (1999) und der Detektiv-Komödie "V.I. Warshawski" (1991) bisher eher leichte Kost in Szene setzte, wollte mit "Babij Jar" offenbar eine Frage beantworten: Was passiert mit ganz normalen Menschen in einer wahnsinnigen Welt? Doch trotz der engagierten Schauspieler wirken die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren etwas konstruiert: Mutter Onufrienko mutiert innerhalb von wenigen Tagen zur Denunziantin, ihr Sohn ist ein Widerstandskämpfer aus Liebe, die Tochter übertrieben unpolitisch.

    Aufdringliche Bildsprache, pathetische Dialoge

    Kanews Bildsprache ist häufig geradezu aufdringlich: Eine Krähe hockt auf dem Zaun der Todgeweihten, ein Gewitter zieht auf, Grabsteine säumen den Wegesrand. Und das Drehbuch bringt die Darsteller zu pathetisch-banalen Sätzen wie: "In Zeiten wie dieser kann uns keiner die Liebe stehlen." Oder: "Was ist das für eine Welt, in der Hass stärker ist als Liebe."

    Zu Walzerklängen errichten Schergen Stacheldrahtpferche

    Die Schlucht von Babij Jar ist ideal für die Zwecke der Nazis. Ein abgelegenes, enges Tal mit Bahnanbindung. Der Zuschauer sieht mit an, wie Oberst Biobel alias Axel Milberg seine perfiden Pläne schmiedet - immer den Schein der Zivilisiertheit wahrend, auf der Suche nach dem "eleganten Weg, lautlos und ohne Panik", dabei selbst kurz vor der Leberzirrhose. Zu Walzerklängen errichten seine Schergen Stacheldrahtpferche, heben Gräben aus und proben den Spießrutenlauf ihrer Opfer. "Tempo, Tempo, Tempo! Niemand darf zum Nachdenken kommen. Ihre Leute nicht, die Juden nicht."

    "Waren das alle Juden für heute?"

    Als sich nach dem Massaker ein deutscher Soldat taumelnd vor Entsetzen erschießt, ist das für den Zuschauer fast eine Erleichterung. Wenigstens einer der Täter hat das Ausmaß des Verbrechens begriffen. Sein Kamerad meldet dem Oberst unterdessen den Abschluss der Operation und fragt: "Waren das alle Juden für heute?"

    Kerstin Nacken, dpa

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