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  • Kritik: "Das süße Jenseits"

    Ein Schulbus kommt in der kleinen kanadischen Stadt Sam Dent von der schneeglatten Straße ab, rutscht weit übers abschüssige Gelände und bleibt auf dem zugefrorenen See stehen. Beklemmend lange Sekunden vergehen, dann gibt das Eis mit einem Krachen nach. 14 Kinder kommen bei dem entsetzlichen Unfall um. Die Menschen der ganzen Stadt sind vor Trauer erstarrt. Der Film "Das süße Jenseits", ab 5. März in den deutschen Kinos zu sehen, zeigt in eindringlichen, dokumentarisch anmutenden Szenen die psychologischen Auswirkungen der Tragödie auf die Beziehungen der Menschen in Sam Dent.

    Das vielschichtig erzählte Werk von Regisseur Atom Egoyan wurde 1997 mit dem Großen Preis der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet. Die Geschichte geht zurück auf ein tatsächliches Schulbusunglück in einer kleinen mexikanisch-amerikanischen Gemeinde. Rechtsanwälte strömten in das Dorf, drängten die Bewohner dazu, den Gemeinderat zu verklagen, und brachten Streit und Unfrieden. Der Stoff wurde zu einem Roman verarbeitet, der den Regisseur und Drehbuchautor Egoyan als Vorlage diente.

    Im Film ist es lediglich ein Rechtsanwalt, der nach Sam Dent fährt: Mitchell Stephens (dargestellt von dem britischen Schauspieler Ian Holm) ist ein einsamer Mann. Von seiner Frau lebt er getrennt; seine Tochter Zoe ist drogensüchtig, aidsinfiziert und meldet sich unregelmäßig mit verzweifelten Hilferufen telefonisch bei ihm. Stephens will die trauernden Eltern davon überzeugen, daß jemand die Schuld an dem Unglück trägt. Er facht ihre Wut an und nutzt sie geschickt, um Unterstützung für eine Klage zu finden. Der Busfahrerin Dolores verspricht er, mit dem Prozeß ihren guten Ruf wiederherzustellen.

    Bei Billy Ansell, dem wichtigsten Zeugen des Unglücks, stößt Stephens auf Granit. Billy war hinter dem Bus hergefahren und hat mitangesehen, wie auch seine eigenen Kinder ertrinken. Seine Frau hat er vor Jahren durch Krebs verloren. Billy hält dem Anwalt entgegen, für den Verlust eines Menschen gebe es keinen Schadenersatz. Stephens will die etwa 15jährige Nicole (Sarah Polley), die den Unfall querschnittgelähmt überlebt hat und Babysitterin von Billys Kindern war, zur Kronzeugin machen. Sie erkennt ihre Verantwortung, und daraus erwächst ihr eine Kraft, die sie zu einer eigenständigen Entscheidung finden läßt.

    Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern in etwa 30 verschiedenen Zeitabschnitten, die mit gekonnter Hand ineinander verschachtelt wurden. "Dennoch ist die Erzählung so einfach, und die emotionalen Notwendigkeiten sind so klar, daß man selbst den ambitioniertesten Zeitsprüngen leicht folgen kann", meint Egoyan. Klar ist aber auch, daß man schon genau hinsehen muß. Das fällt indessen nicht schwer bei der faszinierenden Erzählweise, die der Regisseur auch bei seinem früheren Film "Exotica" angewandt hat. Egoyan stellt damit seine Distanz und Unabhängigkeit von der eingängigen Dramaturgie Hollywoods unter Beweis.

    "Das süße Jenseits" verzichtet auf vordergründig spektakuläre Szenen etwa von ertrinkenden Kindern. Vielmehr stellt er mit den lebensecht wirkenden Menschen eine Nähe her, die Anteil nehmen läßt. Gleichzeitig gelingt es dem Regisseur, den Figuren und dem Geschehen auch eine universelle Bedeutung zu geben. Die Bildsprache des Kameramanns Paul Sarossy entwickelt starke Suggestivkraft. Die weltabgewandte, von Trauer durchdrungene Atmosphäre wird durch die Filmmusik des kanadischen Komponisten Mychael Danna unterstrichen. Die Flötenklänge entsprechen dem Motiv des Rattenfängers von Hameln, mit dem der Film eine mythologische Dimension anspricht.

    Egoyan konfrontiert die Zuschauer mit tiefen Phantasien und Alpträumen und Fragen nach dem Sinn. "Was die Leute zu den Klagen treibt, ist eine große, tiefe Angst, die daher rührt, daß wir kein System von Ursache und Wirkung an die Stelle der verlorenen religiösen Systeme setzen konnten, die uns Tausende von Jahren lang eine Erklärung des Unerklärlichen lieferten", meint der Autor Banks. Darauf verweist der Titel dieses großartigen, den Kopf und das Herz des Zuschauers sehr bewegenden Films.

    Inge Treichel , AP

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