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  • Kritik: Das Mädchen und der unheimliche Koch

    Joseph Ambrose Hildtich ist ein freundlicher, ordentlicher, arbeitsamer Mann im englischen Birmingham. Seine Dickleibigkeit erklärt sich leicht aus seiner liebsten Beschäftigung, nämlich dem Kochen. Selbiges betreibt er sowohl beruflich als Chef einer großen Werksküche wie auch privat als Leidenschaft.

    Daheim bereitet er die Köstlichkeiten, die er anschließend einsam verzehrt, meist nach Videoaufzeichnungen. In denen sieht man eine kochende Französin, die charmant mit der englischen Sprache kämpft und einen dicklichen, unglücklichen Jungen namens Joseph an ihrer Seite hat. Hildtich hat allerdings noch eine ganz andere private Vorliebe: Er bringt junge Mädchen um.

    Es ist schon ein ganz und gar merkwürdiger Serien-Mörder, der uns da in Atom Egoyans neuem Film "Felicia, mein Engel", ab 3. Februar in den Kinos, begegnet. Aber nicht nur ihn lernen wir kennen, sondern auch die junge Felicia aus Irland, die auf der Suche nach ihrem geliebten Johnny ist, der sie geschwängert hat und der verhassten britischen Armee beigetreten sein soll. Irgendwo bei Birmingham soll dieser irische "Verräter" stecken.

    Doch Felicia findet nicht ihn, sondern die Bekanntschaft jenes Koches, der so viel Verständnis für Mädchen in Not zeigt und zu dem sich diese ohne jede Furcht auch ins Auto setzen. Was sich diesmal daraus entwickelt, zeigt der Film in knapp zwei Stunden.

    Erwarte nur niemand einen Thriller der üblichen Machart mit Blut, Action und blankem Grauen. Egoyan ist kein Konfektionär, sondern ein Künstler, der seine Werke für die Leinwand visuell und psychologisch mit subtiler Raffinesse komponiert. Das hat er in seinen früheren Filmen "Exotica" und "Das süße Jenseits" bereits originell unter Beweis gestellt und sich als einer der bedeutenden Filmemacher der Gegenwart etabliert. Der in Kairo geborene Kanadier macht kein Kino für die Massen und die Kassen, er setzt vielmehr auf Zuschauer, die sich nicht nur auf kurzzeitige Reize und vordergründige Spannung einlassen wollen.

    Die aber belohnt er mit Filmen wie "Felicia, mein Engel", einer originellen, auch bewegenden Variante des alten "Die Schöne und die Bestie"-Motivs. Gezeigt wird ein Mann, der sich an die Vornamen seiner Opfer, allesamt junge Mädchen, mit sanfter Stimme, ja zärtlich erinnert, ein liebenswertes Monster sozusagen. Bob Hoskins verkörpert jenen Hilditch mit beklemmender Intensität. Da muss kein Blut fließen, keine Leiche herumliegen, kein Todesschrei ertönen. Um den Zuschauer zu schrecken, reicht es in diesem Film schon, wenn Hoskins Gesicht ganz wenige Male ganz kurz die Kontrolle verliert und seine Augen in jene unheilvolle Vergangenheit zu stieren scheinen, in der die psychische Deformation begründet wurde, die nun im Töten ein Ventil sucht.

    Es geht durchweg still zu bei Egoyan, aber es ist eine lauernde, böse Stille. Die junge Elaine Cassidy in der Titelrolle trägt mit ihrem zurückhaltenden Spiel viel zur Wirkung diese Films bei. "Felicia, mein Engel" basiert auf einem Buch des im englischen Sprachkreis renommierten Autors William Trevor. Der Regisseur ist fasziniert von dessen "außergewöhnlich lebendigen Porträts von Menschen".

    Die Qualität des Films liegt darin, mit ruhiger Hand zwei völlig verschiedene Menschen zu zeichnen, die eine geheime Gemeinsamkeit haben: "Felicia und Hildtich scheuen beide die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Deshalb haben beide verschiedene Formen der Abwehr entwickelt und laufen, jeder auf seine Art, ihren Problemen davon." Wie sie das tun, ist einen Kinobesuch wert.

    Wolfgang Hübner, AP

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