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  • Kritik: Das Licht des Chianti

    Bernardo Bertolucci und die Toskana-Fraktion: 'Gefühl und Verführung'

    Dies ist die Geschichte eines Mädchens, das einen Liebhaber sucht und einen Vater findet. Und wenn es so weit ist und Mozarts Klarinettenkonzert einsetzt, dann gibt es wahrlich kein Halten mehr.

    Eine junge Amerikanerin (MTV-Star Liv Tyler) kommt an den Ort, wo ihre Mutter einst ihr Glück und den Vater ihrer Tochter Lucy gefunden hat. Aber seinen Namen hat sie nie verraten, und auch ihr Tagebuch, mit dem sich Lucy nach ihrem Tod auf den Weg gemacht hat, gibt keine Antworten. So kommt sie mit einer Menge Fragen in das Anwesen in den Hügeln Sienas, wo sich die üblichen Verdächtigen in ihrer eigenen kleinen Welt eingerichtet haben. Ein Bildhauer (Donal McCann), eine Schmuckdesignerin (Sinead Cusack), ein Antiquitätenhändler (Jean Marais), ein Stückeschreiber, der im Sterben liegt (Jeremy Irons), und diverse Freunde des Hauses und Gespielinnen frönen ihrem Müßiggang mit einer solchen Selbstgefälligkeit, daß irgendjemand mal die Bemerkung fallen läßt: 'Irgendwann wird man in eurer Welt nur noch mit Paß eingelassen.'

    Mit Gefühl und Verführung ist Bertolucci nach einer Reihe internationaler Großproduktionen wieder in seine Heimat zurückgekhrt. Bei der Premiere in Cannes wurde beklagt, der Film könne sich für keine verbindliche Perspektive entscheiden. In der Tat läßt sich nicht behaupten, man erlebe diese Ferien durch die Augen der Heldin. Und auch die anderen Blickwinkel taugen nicht unbedingt als Angebote. Vielleicht muß man sich davon freimachen und akzeptieren, daß sich der Erzähler eine eigene Perspektive herausnimmt, einem frei schwebenden Luftgeist gleich, dem es gefällt, ein bißchen Unordnung unter diesen Leuten zu stiften. Man muß nur mal ansehen, wie Darius Khondjis irrwitzige Kamera den Füßen des Mädchens folgt, dann eine Sonnenbadende einfängt und schließlich dem Mädchens ins Wasser folgt. Das ist keine Sache der Perspektive, sondern der Choreographie von Farben, Licht und Bewegung. Und darum geht es doch im Kino: die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. In diesem Fall im Licht des Chianti.

    Mitunter verwandelt sich der Film rund um Liv Tyler in eine Werbung. Wenn sie Tagebuch schreibt, dann zieht eine weiße Schrift durch die Einstellungen wie in einem Parfumspot. Aber vielleicht ist genau dies das Thema des Films. Er macht Werbung für die Jugend und ihre Schönheit. Und das Problem der Älteren ist vielleicht, daß sie die Jugend nur noch als Klischee wahrnehmen können, als eine Sehnsucht, die längst zum Markenartikel geworden ist. Und da der Film Stealing Beauty heißt, ist auch gleich klar, wie sich der Film zur Schönheit verhält: voyeuristisch. Die Älteren delektieren sich an der Jugend, ohne im Gegenzug wirklich etwas bieten zu können. Wie Vampire saugen sie mit ihren Blicken das Opfer aus. So wie am Anfang eine unsichtbare Hand die schlafende Lucy im Zug mit einer Videokamera abtastete. Stealing Beauty - Ist das nicht eine schöne Definition fürs Kino? Auf dem Plakat eines wesentlich schlechteren Films hieß das mal: You like to watch - don't you?

    Der Film ist auf dieselbe Art schamlos voyeuristisch wie es La luna war. Schamlos in seiner Hingabe an die Mysterien der Jugend; schamlos in seinem Bedürfnis, modern - oder gar modisch - sein zu wollen; schamlos in der Art, wie die Leute mit ihrer Sexualität oder Liebesbedürftigkeit hausieren gehen. Dabei tragen sie nicht so sehr ihre Haut als ihre Seele zu Markte. Aber genau das ist die Schamlosigkeit, für die Bertolucci immer auch bewundert worden ist.

    In Cannes hieß es, dies seien die Phantasien eines alten Mannes. In der Tat. Inwiefern denen allerdings weniger zu trauen sei als den Ansichten der Jugend, bleibt unklar. Das Kino ist zwar ein Medium, das vom Versprechen ewiger Jugend lebt, schließlich findet es dort auch die meisten Zuschauer, aber wenn es davon erzählen will, dann muß es auch von der Vergänglichkeit erzählen dürfen - sonst ist es tot.

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