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  • Kritik: Das gute Herz unter häßlichem Gewand

    Nur wenig Zuckerguß bedeckt die gotischen Gewölbe der mächtigen Pariser Kathedrale, die engen gepflasterten Gassen-Schluchten der Seine-Stadt oder das dunkle Cour de Miracles in der Unterwelt. Die Zeichentrickversion von Victor Hugos düsterem Roman "Der Glöckner von Notre Dame", die der für seine süßlichen Kinderwaren bekannte Disney-Konzern durchaus überraschend als diesjährigen Weihnachtsfilm in die deutschen Kinos schickt, gibt glaubwürdig die dunkle Atmosphäre der literarischen Vorlage wieder und amüsiert doch harmonieselig und familiengerecht in bester Tradition des Hauses.

    Atmosphärisch dicht ist dieser 34. Disney-Zeichentrickfilm durch seine Farbgebung, die Choreographie der Massenszenen, die elegante Kameraführung, die stimmigen Details und den Einsatz der Musik, die fast gänzlich auf sentimentales Geigengesäusel verzichtet. Braun- und Grautöne beherrschen hier die Szenerie, wenn uns der buntgekleidete Erzähler Clopin durch die ungemütlichen, des nachts bedrohliche Schatten werfenden Wohnhäuser, Paläste, Kirchen des mittelalterlichen Paris führt.

    Notre Dame, die alte steinerne Majestät, in der der mißgestaltete Quasimodo sein von dem grimmigen Richter Frollo befohlenes Außenseiterdasein als Glöckner fristet, ragt in den Totalen ehrfürchtig aus dem Einerlei des Großstadtmolochs hervor. Beschwingt fährt die Kamera die gewaltigen Dimensionen dieses Prachtgebäudes ab, das dem buckligen Glöckner ein Gefängnis und der verfolgten Zigeunerin Esmeralda einziger Zufluchtsort vor Frollos Fremdenhatz ist. Nicht nur der Blick von der Spitze des Notre Dame hinunter auf den Marktplatz, wo sich das klitzekleine Volk weit weg in farbenfroher Ausgelassenheit auf das Fest der Gaukler vorbereitet, ist da schwindelerregend und verführerisch zugleich. Kein Disneyland im Frankenland.

    Und dann wieder doch. Weil es - im Gegensatz zur Vorlage - ein Happy-End gibt. Weil Quasimodo weniger häßlich, sondern knuddelig ist. Weil in bekannter Disney-Manier die Begleiter des Protagonisten - hier drei quietschfidele Steinfiguren mit den schönen Namen Victor, Hugo und Laverne - das melodramatische Geschehen mit Humor konterkarieren. Weil nicht nur die Dämonie des ausgehenden Mittelalters, sondern vor allem - siehe "Die Schöne und das Biest" - die gute Seele unter häßlichem Gewand beschworen wird. Das Ganze unterhält blendend. Disneys beschwingter Pinsel hat Hugos Buch neue Striche hinzugefügt, ohne es zuzudecken.

    Copyright: , 1996

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