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  • Kritik: "Das Glück liegt auf der Wiese"

    Lange schon hat sich kein politisch derart inkorrekter Film wie "Das Glück liegt auf der Wiese" ins Kino gewagt. Michel Serrault als Klobrillenfabrikant Francis schreit und lügt seine Arbeiterinnen an, als sie eine Lohnerhöhung verlangen. Und trotzdem mögen die dummen Schafe ihren "Patron" noch lieber als eine Agitatorin, die sie gegen ihn aufhetzen will.

    Als nächstes setzt sich Francis von seiner zickigen Gattin Nicole ab; er gibt vor, der lang verschwundene Mann einer Bauersfrau zu sein, obwohl er genau weiß, daß er es nicht ist. Sein bester Freund Gérard nützt diese Chance und beweist die alte Männerstammtischtheorie, daß zickigen Frauen eigentlich nur das eine fehlt. Währenddessen beginnt sich Francis bei der feschen Bäuerin (und Tierquälerin) Dolores zu vergnügen, die ihr Geflügel zwangsernährt, um mehr Gänseleber verkaufen zu können.

    So erzählt, klingt "Das Glück liegt in der Wiese" ziemlich gräßlich. Doch damit bliebe unverständlich, warum sich die Franzosen letzten Dezember während des großen Streiks speziell für diesen Film durch Staus in die Pariser Innenstadt vorkämpften. Weshalb sie dafür auf den Champs Elysées Schlange standen und vier Millionen "Das Glück" gesehen haben. Was eigentlich die Besucher diesen Frühling in Scharen in den Armagnac treibt, jenes touristisch eher unterentwickelte Gebiet im Südwesten, wo Etienne Chatiliez' dritter Spielfilm entstand.

    Hätten die Kritiker zu bestimmen gehabt, wäre diese Komödie ziemlich spurlos untergegangen. Denn sie ist "voller Klischees", "zielt auf die einfachen Lacher", "liegt auf dem Niveau der Samstagabend-TV-Comedy" und "erfüllt Männerträume". Alles unbestreitbar (weshalb der Film bei der "französischen Oscar-Verleihung" nur einen einzigen "César" erntete, für Eddy Mitchell als bestem Nebendarsteller in der Rolle des Gérard), und doch wirbt heute selbst der Pariser Nahverkehr mit einer Variation des Filmtitels für sich: "Das Glück liegt nicht nur auf der Wiese. . . "

    Als geflügeltes Wort in der Alltagssprache Eingang zu finden, das ist gewissermaßen der Adelsrang für einen Filmtitel. Dazu muß er allerdings den Nerv der Zeit treffen, und das ist Chatiliez punktgenau gelungen. Das französische Kino der 80er und frühen 90er, das waren düstere Polizeithriller über Korruption und Verrat oder Dramen aus der verwahrlosten Banlieue, den Vorstädten voller Gewalt und Haß. Angebote zum Eskapismus führten vorwiegend in die Vergangenheit, ins letzte Jahrhundert etwa zum "Husar auf dem Dach".

    Chatiliez öffnet einen Fluchtweg in der Gegenwart: weg von Streiks, böswilligen Finanzbeamten, drohendem Ruin und unglücklichen Sackgassenbeziehungen - auf zur intakten Natur, wie sie von den Sonntagsausflügen der Kindheit in der Erinnerung haftengeblieben ist.

    Die mediterrane Sonne strahlt die Probleme der Zivilisation hinweg; Arbeitsplätze werden gerettet und Ehemänner getauscht. Eine 106minütige Fühl-Dich-gut-Übung für verzagte Städter, ein "Kopf hoch!" an die gallische Nation, daß der Französische Traum noch nicht ganz perdu ist, dessen höchstes Glück darin besteht, sich in einem originalgetreu restaurierten Bauernhaus in die Küche zu setzen und in Gänseleberpastete und Rotwein zu schwelgen.

    Copyright: , 9.5.1996

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