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  • Kritik: Das Drama des Widerstands

    Vielleicht würden sie heute als cool gelten, als unangepasst, als Rebellen. Doch zu ihrer Zeit, im Jahr 1944, waren die Mitglieder der deutschen Jugendgruppen, die sich «Edelweißpiraten» nannten, in Lebensgefahr. Sie prügelten sich mit der Hitlerjugend oder schmierten im Chaos von Bombenalarm und Fliegerangriffen Anti-Nazi-Parolen an Hauswände.

    Mehr als 60 Jahre später kommt nun zum ersten Mal ein Spielfilm in die Kinos, der den Widerstand der Kölner «Edelweißpiraten» nach Zeitzeugen-Erinnerungen nachzeichnet. Denn anders als «Die Weiße Rose» galt die Bewegung aus dem Arbeitermilieu lange Zeit als «kriminell» oder «unpolitisch».

    «Ich erzähl jetzt was, was ich eigentlich nie einem erzählen wollte. Es wollte ja sowieso keiner hören», sagt Jean Jülich in Kölner Mundart zu Beginn des Films. 76 Jahre alt ist er heute und er erinnert sich an die Zeit, als er 14 war. Dort setzt der Film ein: Bomben prasseln auf das Kölner Arbeiterviertel Ehrenfeld, die Familien hausen in Trümmerwohnungen oder Kellern, sie tragen Lumpen und hungern. Die Väter sind im Krieg oder tot, Mütter verzweifelt.

    Durch die Jugend des Kölner Wohnviertels geht mitten in diesem Überlebenskampf ein Riss. Es gibt die Hitlerjungen, die in Uniformen vom Sieg träumen. Und es gibt die «Edelweißpiraten», die Drill und Marschmusik ablehnen und sich nach den romantischen Idealen der Wandervogel-Bewegung zurücksehnen. Als Erkennungssymbol tragen sie eine weiße Anstecknadel. Die Ehrenfelder «Piraten» prügeln sich mit der Hitlerjugend, bis einige von ihnen auf den entflohenen KZ- Häftling und überzeugten Nazi-Gegner Hans Steinbrück treffen. Der Film zeigt nun, wie aus rebellischen Jungs junge Männer werden, die Juden und Deserteure verstecken, Überfälle auf Vorratslager organisieren oder Waffen für Sabotageakte horten.

    Die Regisseure konzentrieren sich in ihrem Film auf die beiden Brüder Karl und Peter Ripke (Iwan Stebunov und Simon Taal), die nach der Mutter und dem ältesten Bruder auch ihren Vater im Krieg verlieren. Der ältere Hans fühlt sich für Peter verantwortlich, schwärmt aber gleichzeitig für Cilly (Anna Thalbach), die Frau seines gefallenen Bruders. Als Hans Steinbrück (gespielt vom «Die Ärzte»- Bandmitglied Bela B. Felsenheimer) in das Leben der Jungen tritt, verzahnen sich Widerstand und Privates zu einem schwer entwirrbaren Knäuel aus Pflichtgefühl, Treue, Liebe, Eifersucht und Verrat.

    Nach dem Krieg war von den Ehrenfelder «Edelweißpiraten» lange keine Rede. Einige von ihnen waren, gerade mal 16 Jahre alt, von den Nationalsozialisten im November 1944 ohne Gerichtsurteil hingerichtet worden. Jean Jülich wurde im März 1945 von den Amerikanern aus der Haft befreit. Jahrelang hat er nicht über seine Geschichte geredet. Doch als sich in den 70er Jahren an den ersten Gedenktafeln in Köln ein Streit über die «Kriminalität» der «Edelweißpiraten» entzündete, schloss sich Jülich einer Bürgerinitiative an und schrieb seine Autobiografie «Kohldampf, Knast un Kamelle». Erst in diesem Juni gestand Deutschland einigen «Edelweißpiraten» den Status von Widerstandskämpfern offiziell zu. Ganz anders verhielt sich Israel. Der Staat ehrte Mitglieder der Kölner Gruppe, darunter auch Jean Jülich, 1984 als «Gerechte unter den Völkern».

    Die Regisseure haben für den Film mehrere betagte «Edelweißpiraten» interviewt. Der Verleih nennt den Film einen «ungeschönten Blick auf das Dritte Reich». Mit der Kombination von bekannten und unbekannten Schauspielern bekommt der Film zusätzlich eine eigene Dynamik. Nach einem deutschen Verleih mussten die Filmemacher dennoch lange suchen. «Es ist ein Untergrundfilm über eine Untergrundbewegung», sagt Niko von Glasow. Er hat das erlebt, was auch viele «Edelweißpiraten» nach dem Krieg erfuhren - Ablehnung, Zweifel und Vergessen.

    dpa

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