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  • Kritik: Chronologie der Terrorspirale

    Blick auf die Zwischentöne

    Durch Genanalyse eines Haares kam heraus, dass er wahrscheinlich an der Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder vor fast genau 10 Jahren beteiligt gewesen war. Diese Entdeckung macht den Dokumentarfilm noch brisanter.

    Dieser porträtiert sowohl Grams als auch den Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Herrhausen, der Ende November 1989 von einem RAF-Kommando ermordet wurde. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gab es noch keine Erkenntnisse über eine direkte Beteiligung von Grams an diesem oder anderen Anschlägen. Die neuen Untersuchungsergebnisse lassen aber mutmaßen, dass Regisseur Andres Veiel in seinem Film einen der Mörder und das Opfer einander gegenüberstellt.

    Veiel lässt die Umgebung beider Männer zu Wort kommen und bleibt selbst unsichtbar. Kein Off-Kommentar, keine Frage und kein Zwischentitel unterbrechen die Aussagen. Seine Kunst liegt in der Montage: Verzahnt wie bei einem Reißverschluss kommen abwechselnd beide Seiten zu Wort. Grams Freunde und Eltern wechseln sich ab mit Herrhausens Witwe Traudl, seinen Bankkollegen, der Sekretärin und auch Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl. Jeweils aus anderer Perspektive gesehen, ergibt sich die Chronologie der Terrorspirale, die das Land polarisierte.

    Es mag kaltschnäuzig erscheinen, die Lebensgeschichten von Opfer und Täter in einem Film zusammen zu fassen. Doch das Kaleidoskop von Aussagen, alten Super-Acht-Filmen und Fernsehbildern lässt nicht nur Rückschlüsse auf die bundesrepublikanische Gesellschaft zu. Es lässt die Menschen hinter den Fahndungs- und Titelfotos schärfer hervortreten.

    Der Wiesbadener Wolfgang Grams, musikalisch hoch begabt, beginnt wie viele in den Siebzigern als Teenager zu rebellieren. Der Mathematikstudent lehnt eine Karriere ab, jobbt ziellos und engagiert sich bei der militanten Linken. Anders als seine Freunde, die irgendwann abspringen, taucht er 1984 mit seiner Freundin Birgit Hogefeld ab in die Illegalität. Sein Elternhaus steht ihm jederzeit offen - seine Eltern lieben ihn, können aber mit seinem moralischen Rigorismus und seinen abstrakten Schlagworten ebenso wenig anfangen wie die große Mehrheit der Bevölkerung.

    Doch es geht um die Zwischentöne: Der Vater war im Krieg freiwillig in der Waffen-SS, noch heute kann er nicht darüber reden. Man hört förmlich die Diskussionen des jungen Grams mit seinem Vater.

    Wie anders dagegen Herrhausen: Als Junge schon auf der NSDAP-Eliteschule, verfolgt er nach dem Krieg ehrgeizig seinen Weg und wird charismatischer Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Aber es gibt Brüche: Um seine zweite Frau Traudl heiraten zu können, wäre er zurückgetreten. Denn eine Scheidung war in konservativen Bankerkreisen etwas Unstandesgemäßes. Und noch an einen zweiten Bruch erinnert der Film - im Alleingang unternahm Herrhausen den Versuch, die Krise in der Dritten Welt durch Schuldenerlass zu lösen.

    Eine Idee, die seinen Kollegen noch heute Schauer über den Rücken jagt und ihn in der Bank isolierte, wie die Interviews durchblicken lassen. Und gerade diese Pläne waren für die RAF laut menschenverachtendem Bekennerschreiben der Grund, Herrhausen zu ermorden: Damit er nicht die Linksintellektuellen auf seine Seite ziehen konnte. Sehr bewegend ist die Schilderung der Witwe von jenem Morgen, an dem Herrhausen auf dem Weg zur Bank in Frankfurt von einer Autobombe zerrissen wurde. Traudl Herrhausen, ausgebildete Ärztin und ehemals CDU-Abgeordnete, die so gar nicht dem Bild einer Millionärswitwe entspricht, verschaffte dem Filmteam auch Zugang zur Deutschen Bank.

    Die zu lebenslänglicher Haft verurteilte Birgit Hogefeld dagegen verweigerte ihre Mitarbeit und lehnt den Film als "politisch naiv" ab. Und der Kummer von Grams' Eltern, die immer noch nicht wissen, ob ihr Sohn durch Selbstmord oder Polizeischüsse ums Leben kam, dürfte nach den neuen Indizien wieder neue Nahrung bekommen. Die Spuren sind noch heiß, die Wunden offen: "Black Box BRD" ist ein traurig stimmender, aber aufregender Film über deutsche Vergangenheit und Gegenwart.

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